Am Mond-Südpol gibt es Verstecke, in denen irdische Keime tagelang überleben

Thomas Schmidt

26. August 2026

Eine NASA-Studie kartiert die kalten Schattenflecken am Südpol des Mondes und findet dort Bedingungen, die blinde Passagiere aus Raumanzügen und Luftschleusen aushalten würden.

Ein Team am NASA Goddard Space Flight Center hat die Sonneneinstrahlung am Mond-Südpol so fein vermessen, dass einzelne Geländeschatten sichtbar werden, und in diesen Schatten herrschen Bedingungen, unter denen fünf verbreitete Bakterien- und Pilzgattungen von der Erde nicht sofort sterben.

Das widerspricht der gängigen Annahme, die Mondoberfläche töte alles Mitgebrachte binnen Stunden ab.

Grundlage sind Temperatur- und Höhenmessungen der Raumsonde Lunar Reconnaissance Orbiter, die das Team mit Labordaten darüber kombiniert hat, wie viel ultraviolette Strahlung einzelne Keime aushalten.

Weil die Artemis-Missionen genau diese Region ansteuern, geht es dabei nicht um ein Gedankenspiel, sondern um die Frage, was Menschen dort demnächst hinterlassen.

Warum der Mond als lebensfeindlich gilt

Dem Mond fehlt eine Atmosphäre, und damit fehlt auch jede Schicht, die ultraviolettes Sonnenlicht abfangen könnte. Diese kurzwellige Strahlung zerlegt das Erbgut von Mikroben, weshalb sie in der Medizin zum Entkeimen eingesetzt wird.

Am Mondäquator kommt Hitze dazu, weil die Sonne dort mittags fast senkrecht steht. Alle bemannten Landungen der Apollo-Ära fanden in genau dieser Zone statt, und eine viel beachtete Modellrechnung von 2019 kam zu dem Schluss, dass die damals zurückgelassenen Keime kaum eine Chance hatten.

An den Polen sieht die Lage anders aus, weil die Sonne dort nie hoch über den Horizont steigt und flach über die Landschaft streicht.

Kraterränder werfen deshalb Schatten, die niemals wandern, und in einigen dieser Senken hält sich seit Jahrmilliarden Wassereis.

Das Modell von 2019 rechnete allerdings mit einer glatten, ebenen Oberfläche. Am Äquator fällt dieser Vereinfachung wenig zum Opfer, weil die hochstehende Sonne ohnehin in jede Mulde leuchtet, doch am Pol entscheidet schon ein wenige Meter hoher Hügel darüber, ob eine Stelle bestrahlt wird oder nicht.

Geprüft hatte das bis zuletzt niemand.

Wie das Team die Schattenflecken vermaß

Prabal Saxena vom NASA Goddard Space Flight Center hat die Untersuchung geleitet, gemeinsam mit Fachleuten des Johnson Space Center, der University of Maryland und des italienischen Astrophysik-Instituts INAF.

Als Datengrundlage dienten zwei Instrumente an Bord des Lunar Reconnaissance Orbiter, nämlich ein Wärmemessgerät, das die Oberflächentemperatur erfasst, und ein Laser-Höhenmesser, der das Gelände abtastet.

Aus dieser Geländekarte berechnete die Gruppe für drei Artemis-Landegebiete Strahl für Strahl, wohin das Sonnenlicht fällt, bei einer Auflösung von fünf Metern pro Bildpunkt.

Diese Karten verglich sie mit Laborwerten dazu, wie viel UV-Dosis Bacillus, Staphylococcus, Deinococcus, Aspergillus und Fusarium überstehen, also Gattungen, die man regelmäßig in bemannten Raumfahrzeugen findet.

Als Messlatte wählte das Team einen Erdtag, weil zwischen zwei Ausstiegen der Apollo-Astronauten nie mehr Zeit verging.

Die Arbeit liegt bislang als Preprint vor und hat die unabhängige Begutachtung durch Fachkolleginnen und -kollegen noch nicht durchlaufen.

Ein Einwand, der geprüft werden musste

Dass in einem ewig dunklen Krater etwas überdauert, klingt zunächst trivial. Ganz finster sind diese Senken aber nicht, denn von den sonnenbeschienenen Kraterwänden ringsum wird Licht hineingestreut, und ein Teil davon ist ebenfalls ultraviolett.

Für den Krater De Gerlache rechnete das Team dieses Streulicht deshalb eigens durch. Die überlebensfähige Fläche schrumpfte dadurch tatsächlich, doch in Teilen des Kraters hielten sich alle fünf Gattungen weiterhin länger als eine Woche.

Bemerkenswert war zudem, wo die Karten sonst noch aufleuchteten, denn taugliche Flecken liegen nicht nur am Rand großer Schattenkrater, sondern mitten in hell beleuchtetem Gelände, überall dort, wo eine kleine Geländekante den flachen Sonnenstrahlen den Weg abschneidet.

Wo die Keime durchkommen

Am zähesten erwies sich der Schimmelpilz Aspergillus niger, ein bekannter Dauergast auf der Raumstation ISS. Seine Sporen halten rund das Fünfundsiebzigfache jener UV-Dosis aus, die eine Bacillus-Spore ausschaltet, weil sie dunkle Pigmente als Schutzschicht tragen und Schäden am Erbgut selbst reparieren.

In allen drei untersuchten Artemis-Regionen fanden sich etwa drei Prozent der kartierten Fläche, auf denen dieser Pilz mindestens sieben Tage durchhalten würde.

Die Forschenden schreiben, die Polregionen seien für mikrobielles Überleben womöglich „weniger feindlich als bisher angenommen“.

Gemeint ist ausdrücklich Überdauern und nicht Wachstum, denn ohne flüssiges Wasser bleibt eine Spore ein schlafender Baustein, der erst wieder aktiv würde, wenn sich die Bedingungen änderten.

Was das für die Artemis-Missionen bedeutet

Für Raumfahrzeuge, die zum Mond fliegen, gibt es derzeit keine Vorgaben zur Keimbelastung.

Menschen tragen Millionen Mikroben auf der Haut, Luftschleusen blasen bei jedem Ausstieg Kabinenluft ins Freie, und Raumanzüge geben organisches Material ab.

Das berührt ausgerechnet jenen Forschungszweck, der die Region so attraktiv macht, denn in den dunklen Kratern sucht man nach organischen Molekülen aus der Frühzeit des Sonnensystems, und mitgebrachte Keime würden diese Spurensuche verfälschen.

Für viele dieser Untersuchungen, so das Team, wäre es „ratsam, strengere Verfahren gegen Kontamination einzusetzen“.

Hinzu kommt ein Nebeneffekt der Erkundung selbst, weil bei derart flachem Sonnenstand schon ein Stiefelabdruck, eine Radspur oder ein Schaufelloch eine dauerhaft beschattete Vertiefung erzeugt.

Genau dieser Stiefelabdruck ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und falls es dir ähnlich geht, gib den Artikel an jemanden weiter, der den Mond bisher für endgültig tot gehalten hat.

Meine Meinung dazu

Was ich aus dem Paper mitnehme, ist weniger die Schlagzeile vom Leben auf dem Mond als die Erkenntnis, wie viel eine einzige weggelassene Zutat ausmachen kann.

Die Arbeit von 2019 war nicht falsch, sie rechnete nur mit ebenem Boden, und diese eine Vereinfachung kippt am Pol das gesamte Ergebnis.

Mich überzeugt außerdem, dass die Gruppe den naheliegenden Einwand mit dem Streulicht nicht abgewehrt, sondern durchgerechnet hat.

Etwas skeptisch bleibe ich beim Sprung von der Laborschale zur Karte, denn die UV-Grenzwerte stammen aus Experimenten mit ganz anderen Randbedingungen, was die Forschenden selbst als offenen Punkt benennen.

Quelle: Prabal Saxena (NASA Goddard Space Flight Center) et al., arXiv-Preprint, 2026; arXiv:2608.24751

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