Moonflows: Der „tote“ Mond hatte womöglich reißende Schlammströme

Thomas Schmidt

7. August 2026

Warum ausgerechnet der letzte Geologe auf dem Mond glaubt, dass unter dem Polstaub Eis steckt – und ein Einschlag es in Minuten zu Murgang verflüssigt

Ein NASA-Team hat nahe den Mondpolen schmale Rinnen entdeckt, die wie die Spuren kurzer, rasend schneller Schlammströme aussehen – die Autoren nennen sie „Moonflows“.

Erstaunlich ist das, weil der Mond seit Generationen als knochentrockene, tote Welt gilt und einer der Autoren Harrison Schmitt ist – der Geologe, der mit Apollo 17 selbst über den Mond gelaufen ist.

Herausgefunden haben sie es mit NASA-Orbitalbildern, statistischen Kraterzählungen und der Physik der Einschlagsschmelze.

Stimmt die Deutung, betrifft sie unmittelbar die Sicherheitsplanung für die künftige Artemis-Basis.

Ein Mond, der trockener sein sollte als jede Wüste

Über Generationen galt der Mond als staubtrockener Brocken: Wasser, so die Lehrmeinung, müsse ohne Atmosphäre und bei der schwachen Schwerkraft sofort ins All entweichen.

Dann überraschten uns die Pole.

2009 schlug eine NASA-Sonde gezielt in einen Südpolkrater und wies im aufgeworfenen Staub eindeutig Wasser nach.

Die japanische Sonde Kaguya beobachtete später sogar aufsteigende Fahnen aus Wasserdampf – und zwar außerhalb der dauerhaft beschatteten Krater, jener eiskalten „Kältefallen“ an den Polen.

Unter dem Polstaub steckt also Eis.

Das rätselhaft glatte Hochland an den Polen

Merkwürdig ist nur das helle Hochland dort oben.

Es wirkt seltsam glatt und jung, mit deutlich weniger kleinen Kratern als die dunklen Ebenen direkt daneben.

Warum?

Diese Frage ließ sich lange nicht klären.

Niemand hat je an den Polen gebohrt.

Alles, was Forschende in der Hand halten, sind Bilder aus dem Orbit.

Ein Apollo-Astronaut zählt Krater aus dem Orbit

Nick Gorkavyi (Science Systems and Applications am NASA Goddard Space Flight Center) ging das Problem gemeinsam mit Oreste Reale und mit Schmitt an.

Ihr Werkzeug: hochaufgelöste Aufnahmen des Lunar Reconnaissance Orbiter, systematische Kraterzählungen und etablierte Einschlagsformeln.

Wichtig für die Einordnung: Die Arbeit ist ein Preprint, bislang nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

Sie ist also ein Vorschlag zur Diskussion, kein gesichertes Ergebnis.

Warum ausgerechnet die mittelgroßen Krater fehlen

Die naheliegende Erklärung lautete: Das Hochland ist einfach älter, oder an den Hängen rutscht trockener Staub bergab und verwischt die Krater.

Um das zu prüfen, zählte das Team die Krater nach Größe und verglich sie mit einem trockenen Hang am Äquator – dem Nordmassiv im Taurus-Littrow-Tal, wo Schmitt einst stand.

Dort verschwinden die größten Krater am schnellsten. Lehrbuchverhalten.

An den Polen war es anders: Dort fehlten selektiv die mittelgroßen Krater – rund 2,8-mal stärker als am trockenen Vergleichshang, während die kleinsten und die größten passten.

Genau diese Lücke passte nicht ins Bild.

Trockenes Kriechen kann kaum eine einzelne Größenklasse herausgreifen.

Langsam fließendes Eis unter der Oberfläche, das Krater bis zu einer bestimmten Größe zuschüttet, kann es.

„Wir vermuten vorsichtig, dass dieses Verhalten mit einer eisreichen Regolithschicht unter dem polaren Hochland in einigen Metern Tiefe zusammenhängt“, schreibt das Team.

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Wenn ein Asteroid den Mond kurz zum Schmelzen bringt

Die kühnere These betrifft die Rinnen selbst.

Trifft ein Asteroid eisreichen Polboden, schmilzt der Schock das begrabene Eis kurz auf.

Im Vakuum kocht das Wasser sofort – doch eingepackt in isolierenden Staub bleibt es lange genug flüssig, um als kochender Schlamm den Hang hinabzuschießen.

„Es wäre kein Fluss aus Wasser, sondern eher so etwas wie ein Schlammstrom oder Murgang“, heißt es im Preprint.

„Wir bezeichnen dieses Phänomen als ‚Moonflow‘.“

So ein Strom rast etwa so schnell wie ein sprintender Mensch und gräbt in keine zehn Minuten eine rund 2,5 Kilometer lange Rinne, bevor er gefriert und verdampft.

Vulkanische Lava scheidet aus – dort oben gibt es keinen Vulkanismus, und die Krater sind zu klein.

Auch geschmolzenes Gestein passt nicht: Am Ende der Rinnen fehlt der typische Auswurfwall.

Was das für die Artemis-Basis bedeutet

Verstecken sich eisreiche Schichten unter polaren Hängen, ist das mehr als eine Kuriosität.

Raketenstarts, ein beheiztes Habitat oder ein naher Einschlag könnten den Boden in Bewegung setzen.

Solche Einschläge, so das Team, „könnten schnelle Moonflows auslösen, wenn sich Anlagen nahe größerer Hänge befinden, und so die Gefahrenzone um die Einschlagstelle vergrößern.“

Die Belege seien „nicht endgültig“, betonen die Autoren, sprächen aber klar für genauere Untersuchungen.

Ich gebe zu: Der Gedanke, dass über diese scheinbar tote Kugel einst binnen Minuten Schlamm zu Tal schoss, hat mich nicht mehr losgelassen.

Wenn es dir genauso geht, schick diesen Text jemandem, der den Mond bisher nur für grauen Staub hält.

Meine Meinung dazu

Mich fasziniert weniger die einzelne Rinne als der Perspektivwechsel.

Ein Mann, der den Mond mit eigenen Händen berührt hat, deutet ihn ein halbes Leben später neu – nicht als totes Objekt, sondern als Welt mit verborgener Geschichte.

Ich habe gelernt, wie viel eine simple Kraterzählung verraten kann, wenn man sie nach Größe sortiert statt nur zu summieren.

Und ich nehme mit, dass „bewiesen“ hier ehrlich klein geschrieben wird. Das ist mir lieber als eine glatte Gewissheit.

Nick Gorkavyi, Oreste Reale, Harrison Schmitt (Science Systems and Applications / NASA Goddard Space Flight Center), arXiv-Preprint, 2026; arXiv:2608.06087

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