Tödliche Umarmung: Verschluckt Beteigeuze seinen Begleiter, strahlt er heller als die Venus

Thomas Schmidt

26. Oktober 2026

Neue Simulationen zeigen, wie der rote Riese Beteigeuze seinen kleinen Partnerstern zerreißt und warum der Lichtblitz das Gewicht des Opfers verrät.

Der rote Riesenstern Beteigeuze im Orion wird in einigen tausend Jahren vermutlich seinen kleinen Begleitstern verschlucken. Für ein bis zwei Tage würde er dann heller leuchten als die Venus. Der Lichtblitz verrät dabei, wie schwer der verschluckte Stern war. Das zeigen Simulationen eines Teams um Naunet Leonhardes-Barboza von der University of California in Santa Cruz. Zugleich verliert der Riese mehrere Sonnenmassen Gas, und das prägt seine spätere Explosion als Supernova.

Ein Begleiter am Schulterstern des Orion

Beteigeuze leuchtet rötlich an der Schulter des Himmelsjägers Orion. Er ist ein roter Überriese, ein alternder Stern, der sich gewaltig aufgebläht hat. An die Stelle der Sonne gesetzt, reichte er weit über die Marsbahn hinaus. Seit Jahrzehnten rätseln Astronomen über einen langsamen Takt in seiner Helligkeit.

Inzwischen haben mehrere Forschungsgruppen eine Erklärung. Ein kleiner Begleitstern umkreist den Riesen so dicht, dass er durch dessen dünne äußere Gasschicht zieht. Er heißt Siwarha, arabisch für „ihr Armreif“. Teleskope auf Hawaii und in Chile haben an der vorhergesagten Stelle schwache Lichtpunkte aufgenommen. Endgültig bestätigt ist der Begleiter noch nicht.

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Warum frühere Sternverschmelzungen wenig verrieten

Die Bahn von Siwarha ist nicht stabil. Der Begleiter zieht an der weichen Hülle des Riesen und beult sie aus, ähnlich wie der Mond die Ozeane der Erde. Die Reibung in der brodelnden Hülle entzieht ihm dabei nach und nach Bewegungsenergie. Er rückt deshalb immer näher, bis Beteigeuze ihn verschluckt.

Solche Verschmelzungen kennt man. Sie erzeugen leuchtkräftige rote Novae, also Lichtausbrüche, die erst hell aufblitzen und dann monatelang rötlich nachglühen. Meist entdecken Astronomen sie aber erst nach dem Ausbruch, und über das Sternpaar davor wissen sie wenig. Ob der erste Blitz Spuren des verschluckten Sterns trägt, ließ sich so nicht prüfen. Beteigeuze ist dagegen nah und gründlich vermessen.

Wie das Team den Untergang des Begleiters nachrechnete

Naunet Leonhardes-Barboza hat das Ende des Paares mit Fachleuten vom Flatiron Institute in New York und aus Harvard simuliert. Zuerst rechnete ein Sternmodell beide Sterne Schritt für Schritt in die Zukunft. Die Masse von Siwarha ist unsicher. Deshalb testete das Team mehrere Varianten, von etwas leichter bis deutlich schwerer als die Sonne. Beteigeuze selbst sah im Moment des Verschluckens jedes Mal fast gleich aus. Spätere Unterschiede gehen deshalb allein auf den Begleiter zurück.

Eine zweite Simulation verfolgte, wie sich Gas, Wärme und Licht im Riesen bewegen, sobald der Begleiter eintaucht. Siwarha überlebt darin erstaunlich lange. Erst nahe dem dichten Kern ist die Schwerkraft des Riesen stark genug, um ihn zu zerreißen. Dort wird in kurzer Zeit eine gewaltige Energiemenge frei. Weil die Hülle darüber zu dicht ist, kann sie nicht als Licht entweichen und treibt stattdessen eine Stoßwelle nach außen.

Die übliche Faustregel für solche Fälle ist eine einfache Energiebilanz. Sie vergleicht die Energie, die der sinkende Begleiter freisetzt, mit der Energie, die nötig ist, um die Hülle vom Stern loszureißen. Beim leichtesten Begleiter reicht die freigesetzte Energie nach dieser Rechnung nie aus. Es dürfte also kein Gas entweichen. Die Simulation schleuderte trotzdem rund sechs Sonnenmassen ins All.

Die Stoßwelle erklärt den Widerspruch. Sie verteilt die Energie ungleichmäßig und stößt die äußeren, nur locker gebundenen Schichten besonders kräftig an.

Was der Lichtblitz über den verschluckten Stern verrät

Nach einigen Wochen erreicht die Stoßwelle die Oberfläche. Dann bricht das Licht frei. Von der Erde aus würde Beteigeuze für ein bis zwei Tage heller leuchten als die Venus. Der Vollmond bliebe aber heller.

Je schwerer der Begleiter, desto heller wird dieser Blitz. Vom leichtesten zum schwersten Modell steigt die Spitzenhelligkeit auf das Zweieinhalbfache, während sich die Dauer kaum ändert. Ein schwererer Begleiter setzt beim Absinken mehr Energie frei, und seine Trümmer bringen zusätzlichen Schwung mit. Diese Energie treibt eine stärkere Stoßwelle an, und die erzeugt einen helleren Blitz.

„Der frühe blaue Lichtblitz könnte daher eine direkte Erinnerung an den Begleiter und an die Physik seiner Zerstörung bewahren“, schreibt das Team. Die Werte sind vorläufig. Die Simulation lässt etwa den Staub um Beteigeuze außen vor. Er könnte den Blitz röter und schwächer erscheinen lassen.

Was der Fund für die Forschung und die spätere Supernova bedeutet

Die starken Wechsel von Helligkeit und Farbe böten „eine beispiellose Gelegenheit“, die frühesten Phasen einer Sternverschmelzung „in Echtzeit“ zu verfolgen, schreibt das Team. Auch das Ende des Sterns verändert sich. Beteigeuze wird nach heutigem Wissen irgendwann als Supernova explodieren. Hat er vorher mehrere Sonnenmassen Gas verloren, explodiert er in eine Wolke, die er selbst ausgestoßen hat. Trifft die Druckwelle der Explosion auf dieses Gas, könnte die Supernova anders aussehen als bei einem einzelnen Stern.

Als Nächstes will das Team den Zusammenstoß dreidimensional simulieren und den Staub um den Stern einbeziehen. Den genauen Zeitpunkt kennt niemand. Er hängt davon ab, wie stark die Reibung in der Hülle den Begleiter bremst.

In diesen Wochen steigt Orion spätabends wieder über den Osthorizont. Schick den Artikel jemandem, mit dem du schon einmal zu seiner roten Schulter hinaufgeschaut hast. Und erzähl ihm vom Armreif, den dieser Stern eines Tages verschlucken wird.

Meine Meinung

Ob echte Sternverschmelzungen so kurz und hell aufblitzen wie berechnet, lässt sich schon früher an fremden Sternpaaren prüfen. Das Rubin-Observatorium in Chile fotografiert den Südhimmel alle paar Nächte ab. Mit etwas Glück erwischt es den blauen Blitz einer fernen Verschmelzung.

Bei Beteigeuze selbst bleibt eine Schwachstelle. Das leichte Wackeln des Riesen deutet auf einen Begleiter von ungefähr Sonnenmasse hin. Die jüngste Aufnahme vom Very Large Telescope spricht dagegen für einen Partner, der sogar die schwerste durchgerechnete Variante übertrifft. Beides passt schlecht zusammen. Bestätigen weitere Aufnahmen den hohen Wert, muss die Rechnung mit einem schwereren Siwarha neu laufen.

Quelle: Naunet Leonhardes-Barboza (University of California, Santa Cruz), 2026; arXiv:2610.31755

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