Ein australisches Radioteleskop hat erstmals systematisch aufgezeichnet, wie Signale von Starlink & Co. in geschützte Frequenzbänder eindringen – bis zu hundert Milliarden Mal heller als die kosmischen Quellen, die Astronominnen und Astronomen eigentlich beobachten wollen.
Ein Forschungsteam in Australien hat nachgewiesen, dass Signale großer Satellitennetze mitten in jenen Frequenzbändern auftauchen, die international für die Radioastronomie reserviert sind.
Überraschend ist dabei nicht nur die beabsichtigte Kommunikation der Satelliten, sondern die unbeabsichtigte Strahlung ihrer ganz normalen Bordelektronik – Bordcomputer, Stromwandler –, die die leisesten kosmischen Signale um ein Vielfaches überstrahlt.
Herausgefunden hat das ein Team um Balthasar Indermühle mit dem Radioteleskop Mopra, das tausende Satellitenüberflüge einzeln verfolgte und jede Quelle über ihren Doppler-Fingerabdruck zweifelsfrei zuordnete.
Die Störungen bedrohen nicht nur die Astronomie, sondern auch die Navigations- und Zeitsysteme, auf denen der moderne Alltag beruht – die Studie betont aber, dass ein Nebeneinander machbar ist.
Der Himmel ist zum Sendemast geworden
Radioteleskope fangen das leiseste Flüstern des Universums auf – Signale, die so schwach sind, dass ein Handy auf dem Mond sie mühelos übertönen würde.
Jahrzehntelang schützte die Lage der Observatorien sie davor: Berge und Täler schirmen sie gegen irdische Störer ab.
Doch dieser Schutzwall wirkt nur gegen Quellen am Boden.
Inzwischen ziehen tausende Satelliten in niedriger Umlaufbahn über den Himmel und funken pausenlos – in direkter Sichtlinie, ohne einen Hügel, hinter dem sie verschwinden könnten.
Ein Signal, wo eigentlich Stille herrschen müsste
Bestimmte Frequenzbänder sind weltweit für die Radioastronomie geschützt, damit Teleskope feine kosmische Signale ungestört belauschen können.
Die offene Frage war: Dringen die neuen Satellitennetze tatsächlich in diese Schutzbänder ein – und wie stark?
Das ließ sich lange kaum beantworten.
Denn die Satelliten rasen binnen Minuten über den Himmel, und der Nachweis, dass ein Signal wirklich von einem bestimmten Satelliten stammt und nicht von irgendeinem Sender am Boden, ist heikel.
Wer misst – und womit
Balthasar Indermühle und Liroy Lourenço von CSIRO Space & Astronomy, Australiens nationaler Wissenschaftsagentur, verfolgten Satellit für Satellit mit der Mopra-Antenne bei Coonabarabran im Südosten Australiens.
Ausgewählte Funde prüften sie zusätzlich mit einer Schüssel des benachbarten ATCA-Verbunds und dessen neuem Empfangssystem BIGCAT nach.
Ihr Programm trägt den Namen SNIFFLES.
Diese ersten Ergebnisse sind begutachtet und frei zugänglich in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society erschienen.
Warum es kein irdischer Störsender sein kann
Der naheliegende erste Verdacht: Vielleicht stammen die Signale gar nicht von den Satelliten, sondern von Sendern am Boden.
Das Team prüfte es – und verwarf es.
Der entscheidende Beleg ist der Doppler-Effekt: Während ein Satellit heran- und wieder wegrast, verschiebt sich seine Frequenz in einem exakten Muster, das zur berechneten Umlaufbahn passt.
Ein irdischer Sender kann das nicht nachahmen.
Und mehr noch: Dasselbe driftende Signal tauchte gleichzeitig an weit voneinander entfernten Teleskopen auf.
Keine lokale Störquelle könnte das erzeugen.
Blieb ein zweites Rätsel.
Manche Signale lagen bei exakt der doppelten Frequenz einer bekannten Sendung – Zufall oder das eigene Echo des Senders?
Der Test war elegant: Eine echte Oberwelle driftet in der Frequenz doppelt so schnell wie das Original. Genau das maßen die Forscher.
Damit war klar, dass das Echo zum Satelliten gehört.
Hundert Milliarden Mal heller als das All
Fast alle untersuchten Systeme tauchten in den Messungen auf – Starlink, das europäische OneWeb und das chinesische Guowang; nur bei Amazons noch unfertigem Netz fand sich nichts.
Und es blieb nicht bei der beabsichtigten Kommunikation samt ihren Echos, die sich mehrfach durchs Spektrum ziehen.
Auch die unbeabsichtigte Strahlung der Plattform selbst war da: das Funkrauschen der Bordcomputer und Stromwandler, das nichts sendet und doch strahlt.
Die geeichten Nachmessungen zeigen, wie brachial das ist – die Satellitensignale sind bis zu hundert Milliarden Mal heller als typische kosmische Quellen.
Das reicht, um die empfindlichen Empfänger eines Teleskops zu übersteuern und ganze Messungen unbrauchbar zu machen.
Wie hartnäckig das Problem ist, zeigt eine einzelne Zahl: Auf einer geschützten Frequenz strahlte eine bestimmte Starlink-Baureihe in 76,9 Prozent aller ihrer beobachteten Überflüge.
Die Störung sei, so die Autoren im Fachartikel, „qualitativ anders, weil die Ausbreitungsmechanismen, die Radioobservatorien vor bodengebundenen Störern schützen, auf Störer im Orbit nicht zutreffen“.
Nicht nur ein Problem der Astronomie
Die Folgen reichen über die Sternwarte hinaus.
Ohne Gegenmaßnahmen, warnen die Autoren, bedrohe das Anwachsen der Strahlung nicht nur die Radioastronomie – „unser Fenster ins Universum“ –, sondern auch die geodätische und Zeit-Infrastruktur, auf der Satellitennavigation und Satellitenbetrieb beruhen.
Eine Prognose des Erstautors macht das Ausmaß greifbar: Wächst die Zahl der Satelliten weiter, könnte der Blick eines Radioteleskops in manchen Himmelsregionen im Minutentakt einen Satelliten kreuzen – Ausweichen wird dann praktisch unmöglich.
Fairerweise gehört dazu: Ein Betreiber, SpaceX, arbeitet bereits mit den Astronomen zusammen, entwickelt freiwillig Ausweichverfahren und testet neue Satelliten vorab in schalltoten Kammern.
Doch solche Bodentests bilden die Bedingungen im All nicht vollständig ab – manches Rauschen zeigt sich erst im Orbit.
Das Programm läuft weiter.
Und das Fazit klingt nicht nach Untergang: Eine nachhaltige Koexistenz von Satellitennetzen und Radioastronomie sei „sowohl notwendig als auch machbar“.
Was ich daraus mitnehme
Am meisten hängen geblieben ist bei mir nicht die beabsichtigte Kommunikation – die ließe sich einplanen.
Es ist der Gedanke, dass die ganz gewöhnliche Alltagselektronik eines Satelliten, die nichts tut, als das Gerät am Leben zu halten, das leiseste Flüstern vom Rand des Universums überstrahlen kann.
Der Nachthimmel war lange der eine Ort, der außerhalb unserer Infrastruktur lag.
Jetzt ist die Infrastruktur dort oben.
Wenn dich dieser Gedanke ähnlich ins Grübeln bringt wie mich – dass ein Bordcomputer das Universum hundert Milliarden Mal überstrahlt –, dann gib diesen Artikel weiter.
Vielleicht schaut der eine oder andere danach anders in den Nachthimmel.
Quelle: Balthasar Indermühle (CSIRO Space & Astronomy), Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, 2026; DOI: 10.1093/mnras/stag1133





