Zum ersten Mal hat das Weltraumteleskop Hubble das ultraviolette Licht eines von einem Schwarzen Loch zerrissenen Sterns eingefangen, bevor er am hellsten strahlte. Der Blick zeigt auch, dass Fachleute die Energie solcher Ereignisse womöglich um ein Vielfaches unterschätzen.
Schon 20 Tage bevor ein von einem Schwarzen Loch zerrissener Stern am hellsten leuchtete, trieb das Ereignis einen Wind aus Sterntrümmern mit rund 10.000 Kilometern pro Sekunde ins All.
Das ist bemerkenswert, weil man über diese frühe Phase kaum etwas wusste und eines der gängigen Modelle solche Winde erst später erwartet.
Ein Team um Erica Hammerstein von der University of California, Berkeley, hat das mit Hubble gemessen, das dabei erstmals ultraviolettes Licht eines Sternzerrisses vor dessen Höhepunkt zerlegt hat.
Die Daten legen außerdem nahe, dass die übliche Methode die abgestrahlte Energie deutlich zu niedrig ansetzt, in diesem Fall etwa um den Faktor neun.
Wenn ein Schwarzes Loch einen Stern zerreißt
Kommt ein Stern einem supermassereichen Schwarzen Loch zu nahe, zieht dessen Schwerkraft an der zugewandten Seite des Sterns viel stärker als an der abgewandten.
Dieser Unterschied, die Gezeitenkraft, zerrt den Stern in die Länge, bis er zu einem Strom aus Gas zerfällt.
Ein Teil der Trümmer stürzt zurück, und das Ereignis leuchtet über Wochen hell auf.
Dass solche Sternzerrisse Gaswinde ins All schleudern, weiß man aus früheren Beobachtungen. Im ultravioletten Licht hatte man diese Winde aber noch nie vor dem Helligkeitsmaximum gesehen.
Warum die frühe Phase bisher im Dunkeln lag
In den Wochen vor dem Maximum krachen die Trümmerströme ineinander, und um das Schwarze Loch bildet sich erst langsam eine Scheibe.
Ob der Wind schon in dieser Phase entsteht oder erst, wenn das Schwarze Loch das Gas verschlingt, blieb offen.
Die deutlichsten Spuren schneller Gase zeigen sich im ultravioletten Licht, das aber nicht durch die Erdatmosphäre dringt. Wer Hubble rechtzeitig einsetzen will, muss einen Sternzerriss deshalb früh entdecken und schnell reagieren.
Wie das Team den Stern rechtzeitig erwischte
Das Objekt TDE 2025aarm zählt zu den nächstgelegenen bisher entdeckten Sternzerrissen und wäre trotzdem beinahe übersehen worden.
Eine automatische Himmelsüberwachung in Kalifornien hatte das Aufleuchten zwar registriert, doch ihre Software sortierte es aus, weil sie es für ein Ereignis in unserer eigenen Milchstraße hielt.
Das Team um Hammerstein richtete Hubble auf das Objekt, dessen Spektrograf STIS das ultraviolette Licht in seine einzelnen Farben zerlegt, während Teleskope auf der Erde das sichtbare und infrarote Licht aufzeichneten.
Die Studie ist als Preprint auf arXiv erschienen und wurde bislang nicht unabhängig begutachtet.
Was nicht zur gängigen Vorstellung passte
Im Hubble-Spektrum fehlten an mehreren Stellen Farben.
Solche dunklen Lücken entstehen, wenn Gas zwischen Lichtquelle und Beobachter bestimmte Farbtöne verschluckt, und jedes chemische Element schluckt dabei seine ganz eigenen.
Die Lücken von Kohlenstoff, Silizium, Eisen und anderen Elementen lagen allesamt ein Stück zum blauen Ende des Spektrums verschoben.
Das geschieht, wenn Gas auf uns zuströmt, so wie die Sirene eines heranfahrenden Krankenwagens höher klingt, und aus der Verschiebung ergaben sich jene 10.000 Kilometer pro Sekunde.
Damit geriet eine naheliegende Vorstellung ins Wanken.
Nach einem Modell der Theoretiker Elad Steinberg und Nicholas Stone stammt das frühe Leuchten vor allem aus den Zusammenstößen der Trümmerströme, und ein kräftiger Wind sollte erst nach dem Maximum folgen.
Bei TDE 2025aarm wehte er schon 20 Tage vorher. Hinzu kommen Lücken im Spektrum, die bei einem Sternzerriss noch niemand identifiziert hatte und deren Herkunft offen ist.
Die zweite Überraschung steckte in der Verteilung des Lichts über alle Farben. Fachleute schätzen die Gesamtenergie eines Sternzerrisses meist aus wenigen Farben ab, indem sie annehmen, dass das Gas wie ein gleichmäßig heißer Körper leuchtet.
Daraus rechnen sie hoch, wie viel Licht in den unsichtbaren Bereichen steckt.
Auf die Hubble-Daten angewendet, unterschätzte diese Annahme sowohl das Ultraviolett als auch das rote Licht. Eine andere Kurvenform, die ohne eine einzige Temperatur auskommt, traf dagegen das Licht vom Ultraviolett bis ins Infrarot, obwohl das Team die Infrarotdaten gar nicht zur Anpassung benutzt hatte.
Warum die Energie unterschätzt werden kann
Das Team deutet beide Befunde als Teile desselben Bildes.
Das Licht aus dem heißen Zentrum muss durch den dichten Wind, der es verschluckt und in anderen Farben wieder abgibt, und deshalb sieht es am Ende nicht mehr aus wie das Leuchten eines einzigen heißen Körpers.
Mit seiner Geschwindigkeit käme das Gas in knapp 40 Sekunden von der Erde bis zum Mond. „Diese Arbeit bestätigt, dass Sternzerrisse schon sehr früh schnelle Ausströmungen in Gang setzen können“, heißt es in der Studie.
Rechnet man die Energie nur aus dem ultravioletten Licht hoch, kommt rund neunmal mehr heraus als mit der üblichen Methode.
Nach der Theorie müssten Sternzerrisse ohnehin weit mehr Energie abstrahlen, als man tatsächlich misst, und ein Teil dieser fehlenden Energie könnte sich im fernen Ultraviolett verstecken.
„Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie nötig und nützlich Beobachtungen bis ins ferne Ultraviolett sind“, schreibt das Team.
Ob der frühe Wind bei allen Sternzerrissen weht, sollen künftig mehr ultraviolette Spektren klären, etwa vom geplanten Weltraumteleskop UVEX.
Meine Meinung dazu
Mich beeindruckt an diesem Paper weniger der schnelle Wind als die Rechnung dahinter.
Über Jahre hat man die Energie solcher Ereignisse mit einer Annahme geschätzt, die im sichtbaren Licht gut funktioniert und ausgerechnet dort schwächelt, wo man nur selten hinschauen kann.
Eine Methode, die zu den vorhandenen Daten passt, zeigt eben noch lange nicht das ganze Bild.
Hängen bleibt bei mir vor allem ein Bild. Ein Stern wird zerfetzt, und noch bevor sein Leuchten den Höhepunkt erreicht, rasen seine Trümmer in weniger als einer Minute so weit, wie der Mond von uns entfernt ist.
Wenn dir bei dieser Vorstellung auch kurz der Atem stockt, schick den Artikel an jemanden, mit dem du beim nächsten Blick in den Nachthimmel darüber staunen möchtest.
Quelle: Erica Hammerstein (University of California, Berkeley), 2026, arXiv:2609.28460
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