Salzkristalle auf dem Mars: Diese winzige Wasserfalle könnte den Tag überstehen

Thomas Schmidt

2. September 2026

Nachts reißt der Kristall auf und zieht Feuchtigkeit ins Innere, morgens schließt er sich wieder. Ein Budapester Team hat durchgerechnet, ob in solchen Salzkörnern flüssiges Wasser bleiben könnte – und wo auf dem Mars das am ehesten klappt.

Auf dem Mars sind Wasser und Wärme fast nie gleichzeitig zu haben, denn nachts ist die Luft vergleichsweise feucht, aber eisig, und tagsüber warm und staubtrocken.

Ein ungarisches Forschungsteam hat nun ein Modell durchgerechnet, in dem ein winziger Riss in einem Salzkristall diese beiden Zustände verbindet. Bei nächtlicher Kälte schrumpft der Kristall, der Riss öffnet sich, und Feuchtigkeit aus der Luft kriecht als hauchdünner Film hinein. Morgens dehnt sich das Salz wieder aus, der Spalt schließt sich, das Wasser bleibt drin.

An mehreren Stellen im Süden der Tiefebene Acidalia Planitia wären die Bedingungen dafür an rund 100 bis 130 Marstagen pro Jahr erfüllt.

Salze, die Wasser aus der Luft ziehen

Auf der Marsoberfläche liegen an vielen Stellen Salzablagerungen, die Raumsonden aus dem Orbit an ihrem Infrarot-Fingerabdruck erkannt haben, und der Lander Phoenix fand im Boden zusätzlich Perchlorate, also Salze einer besonders wasserfreundlichen Chlorverbindung. Manche dieser Salze sind hygroskopisch, sie binden Wasserdampf aus der Luft und lösen sich darin selbst auf.

Fachleute nennen den Vorgang Deliqueszenz; man kennt ihn vom Streusalz, das an feuchten Tagen im Schälchen verklumpt und schließlich eine Lache bildet. Auf dem Mars entsteht so tatsächlich flüssiges Wasser, allerdings nur als mikroskopisch dünner, extrem salziger Film auf der Kristalloberfläche.

Feucht ist es nur dann, wenn es zu kalt ist

Das Problem liegt im Zeitplan. Die relative Luftfeuchte steigt, wenn die Temperatur fällt, deshalb erreicht sie ihr Maximum in den Stunden vor Sonnenaufgang – genau dann also, wenn es für jeden Stoffwechsel viel zu kalt ist.

Sobald die Sonne aufgeht, fällt die Feuchte innerhalb weniger Stunden auf praktisch null, und der Salzfilm auf der Oberfläche trocknet ein. Zwischen Nachmittag und Morgengrauen liegen in Äquatornähe gut 120 Grad Unterschied, und beide für Leben nötigen Zutaten, Wasser und Wärme, gehen sich dabei konsequent aus dem Weg.

Was das Budapester Team gerechnet hat

Anna Bognar von der Eötvös-Loránd-Universität und dem Konkoly-Observatorium in Budapest hat gemeinsam mit Bernadett D. Pál und Ákos Kereszturi zwei Rechenwege kombiniert.

Zum einen übertrugen sie Labormesswerte zur Wärmeausdehnung verschiedener Salze auf den Marstemperaturbereich, um zu bestimmen, wie stark ein Kristall im Tagesverlauf wächst und schrumpft.

Zum anderen nutzten sie ein Marsklimamodell, das Temperatur, Luftdruck und Feuchte für ein komplettes Marsjahr über die gesamte Kugel simuliert, und filterten daraus jene Orte und Uhrzeiten heraus, an denen Deliqueszenz überhaupt möglich wird.

Die Studie liegt bisher nur als Preprint vor, unabhängige Fachleute haben sie also noch nicht begutachtet.

Warum das am besten vermessene Salz nicht infrage kommt

Der naheliegende Kandidat war gewöhnliches Kochsalz. Seine Wärmeausdehnung ist im Labor sauber vermessen, und in der Atacamawüste leben tatsächlich Bakterien im Inneren von Steinsalzbrocken.

Die Rechnung ergab für den Marstemperaturbereich eine Volumenänderung von rund 1,6 Prozent, was nach wenig klingt, aber genügt, um Risse in der Größenordnung jener Poren zu öffnen und zu schließen, die Mikroben besiedeln – wenige Tausendstelmillimeter breit.

Nur braucht Kochsalz eine Luftfeuchte, die der Mars bei brauchbaren Temperaturen so gut wie nie erreicht, es verflüssigt sich dort also gar nicht erst.

Ausgerechnet für Calciumperchlorat, das schon bei geringer Feuchte flüssig wird und deshalb der eigentliche Hauptdarsteller wäre, existiert kein gemessener Ausdehnungswert. Das Team schreibt diesen Bruch selbst in die Arbeit hinein und stuft die Übertragung als vorläufig ein.

Wo der Mechanismus funktionieren könnte

Legt man die Karte der möglichen Verflüssigung über die Karte der bekannten Salzfundorte, überlappen beide im Süden von Acidalia Planitia.

Dort kommt das Modell auf jene 100 bis 130 Marstage pro Jahr, an denen nachts Feuchtigkeit in einen Kristall gelangen könnte, was die Autorinnen und Autoren als „oft genug für eine belastbare Modellnäherung“ bewerten.

Hinzu kommt ein Nebeneffekt, der für Leben mindestens ebenso wichtig wäre: In zwei bis drei Millimetern Tiefe, also kaum tiefer, als ein Fingernagel dick ist, schirmt das Material die harte UV-Strahlung schon weitgehend ab, lässt aber je nach Mineral noch etwas sichtbares Licht durch.

Ein hypothetischer Organismus säße damit an einer Stelle, an der er tagsüber Wärme, Feuchtigkeit und Licht gleichzeitig hätte.

Für die Suche nach Leben verschiebt das die Frage. Nicht mehr, ob auf dem Mars flüssiges Wasser entsteht, sondern ob es lange genug an einem Ort bleibt.

Das Team selbst bremst dabei deutlich und nennt den Mechanismus „ein konzeptionelles Modell“, das Laborversuche und eine eigene Berechnung des Dampfverlusts braucht, denn ein geschlossener Riss ist noch längst nicht dicht.

Wenn dich der Gedanke an ein Salzkorn packt, das sich jeden Morgen zumacht wie eine Dose, dann schick den Artikel weiter – dieses Bild bleibt hängen.

Meine Meinung dazu

Mich hat weniger das Ergebnis überzeugt als die Ehrlichkeit der Konstruktion. Eine Arbeit, die offen hinschreibt, dass für das entscheidende Salz schlicht die Messdaten fehlen, ist mir lieber als eine, die diese Lücke elegant überschreibt.

Gelernt habe ich vor allem, wie eng das Zeitfenster für Leben auf dem heutigen Mars ist: Nicht die Menge des Wassers ist das Nadelöhr, sondern die Frage, ob Feuchtigkeit und Wärme jemals zur selben Stunde am selben Ort auftreten.

Und ich nehme mit, dass die spannendsten Orte für die Suche womöglich nicht kilometertief liegen, sondern eine Fingernagelbreite unter dem Staub.

Anna Bognar (ELTE Eötvös Loránd University / Konkoly-Observatorium, Budapest), arXiv-Preprint, 2026; arXiv:2609.01156

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