Das Geheimnis des Martin-Luther-King-Sonnensturms: Ein dunkler Nachbar gab ihm seine Wucht

Thomas Schmidt

20. Oktober 2026

Ein NASA-Team hat den Sonnensturm vom Januar 2026 von der Sonne bis zur Erde nachgestellt und herausgefunden, warum er so heftig einschlug und so lange anhielt.

Der schwere Sonnensturm vom 19. Januar 2026, in den USA nach dem Feiertag als Martin-Luther-King-Sturm bekannt, verdankte seine Wucht offenbar einem unscheinbaren Nachbarn auf der Sonne.

Direkt neben dem Ausbruchsort lag ein Koronales Loch, also ein Gebiet, aus dem Magnetfeldlinien offen ins All reichen, und es ließ die ausgestoßene Gaswolke nahezu unbeschadet entkommen.

Damit fiel die Entscheidung über die Stärke des Sturms schon an der Sonne und nicht erst auf dem langen Weg zur Erde, wie ein NASA-Team mit Aufnahmen mehrerer Raumsonden und einer Computersimulation zeigt.

Dasselbe Loch schickte anschließend schnellen Sonnenwind hinterher und sorgte so dafür, dass der Sturm nur zäh abklang.

Was einen Sonnensturm gefährlich macht

Bei einem koronalen Massenauswurf schleudert die Sonne eine gewaltige Wolke aus elektrisch geladenem Gas ins All.

In dieser Wolke steckt ein eigenes Magnetfeld, das wie ein Seil in sich verdrillt ist.

Trifft sie die Erde, hängt viel davon ab, in welche Richtung dieses Feld zeigt.

Weist es nach Süden und damit entgegen dem Erdmagnetfeld auf der sonnenzugewandten Seite, können sich beide Felder verbinden, und Energie aus dem Sonnenwind strömt in die schützende Magnethülle unseres Planeten.

Dann leuchten Polarlichter, aber es drohen auch Störungen bei Satelliten, in Stromnetzen und im Flugverkehr.

Am 18. Januar 2026 schleuderte die Sonne eine solche Wolke direkt in Richtung Erde, begleitet von einem Flare, einem gewaltigen Strahlungsausbruch der stärksten Klasse.

Etwa einen Tag später traf sie ein und löste einen Sturm der zweithöchsten Stufe auf der Skala der US-Wetterbehörde NOAA aus, einen der heftigsten des laufenden Sonnenzyklus.

Warum manche dieser Wolken mit voller Kraft einschlagen und andere vergleichsweise harmlos bleiben, ist allerdings schwer zu klären.

Zwischen Sonne und Erde gibt es nämlich kaum Messpunkte.

Man sieht die Wolke kurz nach dem Start als hellen Schleier neben der Sonne und misst ihr Magnetfeld erst wieder, wenn sie an einer Sonde vorbeizieht.

Ob es unterwegs geschwächt, verdreht oder gestaucht wird, bleibt meist im Dunkeln.

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Wie das NASA-Team den Weg der Wolke rekonstruierte

Die Astrophysikerin Abril Sahade vom Goddard Space Flight Center der NASA hat mit ihrem Team versucht, diese Lücke für den Januar-Sturm zu überbrücken.

Die Gruppe kombinierte Bilder von drei Raumfahrzeugen an verschiedenen Positionen im All, deren Kameras die grelle Sonnenscheibe abdecken, damit die schwach leuchtende Wolke daneben sichtbar wird.

Hinzu kamen Messungen der Sonde Solar Orbiter, die näher an der Sonne flog und die Wolke einige Stunden vor der Erde abbekam, sowie der NASA-Sonde Wind, die vor der Erde Sonnenwind und Magnetfeld aufzeichnet.

Im Zentrum steht eine Computersimulation, die den Ausbruch aus dem gemessenen Magnetfeld der Sonnenoberfläche heraus nachrechnet und die Wolke bis jenseits der Erdbahn verfolgt.

Die Studie ist bislang als Preprint auf dem Server arXiv erschienen und hat noch kein unabhängiges Gutachterverfahren durchlaufen.

Eine Messung, die nicht ins Bild passte

Die Simulation traf die Form der Wolke aus allen drei Blickwinkeln gut, bis auf eine Stelle.

Im Norden der Wolke leuchtete auf den echten Aufnahmen ein besonders dichter Bereich, den das Modell nicht zeigte.

Auch die Sonde Wind registrierte etwas Ungewöhnliches.

Vor dem eigentlichen Magnetfeldschlauch zog ein Abschnitt vorbei, der zwar ein starkes Magnetfeld trug, aber stellenweise dichter gepackt war als das zusammengeschobene Gas an der Front der Wolke und sich kaum ausdehnte.

Ein typischer Magnetschlauch ist dagegen eher dünn und bläht sich auf dem Weg nach außen auf.

Das Team führt beide Auffälligkeiten auf Filamente zurück, also kühlere Gasbänder, die von Magnetfeldern über der Sonnenoberfläche gehalten werden und beim Ausbruch mitgerissen wurden.

Diese Filamente fehlten in der Simulation, weil sie über ruhigen, magnetisch schwachen Gebieten schwebten und die Forschenden sie bewusst weggelassen hatten.

Unterwegs holte der schnellere Hauptschlauch das dichte Material offenbar ein und drückte es zusammen, sodass bei Wind zwei verschmolzene Strukturen ankamen.

Eine zweite Schwäche ihres Modells benennen die Forschenden ebenso offen.

Das simulierte Magnetfeld fiel nur etwa halb so stark aus wie das gemessene, was bei diesem Rechenmodell bekannt ist.

Verdoppelten sie es, passte der Verlauf an beiden Sonden, obwohl diese unterschiedlich weit von der Sonne entfernt waren.

Das spricht dafür, dass das Modell die Richtung des Feldes richtig trifft und nur seine Stärke gleichmäßig unterschätzt.

Den hinteren Teil der Wolke gab die Simulation an beiden Sonden bemerkenswert gut wieder, und an keiner anderen Stelle im simulierten Raum passte sie besser zu den Messungen als auf den tatsächlichen Bahnen der Sonden.

Ein Koronales Loch bestimmte Stärke und Dauer

Mit dem Modell als Werkzeug konnte das Team nachvollziehen, was die Wolke in ihren ersten Stunden erlebte.

Westlich des Ausbruchsorts lag in der Korona, der äußeren Sonnenatmosphäre, ein Koronales Loch, das auf Ultraviolett-Aufnahmen als dunkler Fleck erscheint.

Sein Magnetfeld war genauso ausgerichtet wie das benachbarte Ende des Magnetschlauchs, das noch in der Sonne verankert war.

Treffen entgegengesetzt gerichtete Felder aufeinander, verbinden sie sich und ordnen sich neu, wobei die Wolke einen Teil ihres eigenen Feldes verliert.

Weil die Felder hier gleich ausgerichtet waren, blieb dieser Abrieb weitgehend aus.

Zugleich hielt das offene Feld die Wolke kaum zurück, sodass sie sich rasch ausdehnte und wenig abgebremst wurde.

Als sie die Sonden erreichte, sprang die Geschwindigkeit des Sonnenwinds auf über 1000 Kilometer pro Sekunde.

In diesem Tempo wäre man in gut sechs Minuten auf dem Mond.

Auf dem weiteren Weg stieß die Wolke laut Simulation auf keine größeren Hindernisse, die ihr Magnetfeld hätten umformen können.

Das nach Süden gerichtete Feld, das den Sturm antrieb, sei deshalb „weitgehend aus der Entwicklung des Ausbruchs in der Korona geerbt“, schreiben die Forschenden.

Dasselbe Loch prägte auch das Ende des Sturms, denn aus ihm strömte schneller Sonnenwind, der die Wolke von hinten einholte und sich mit ihrem Ende vermischte.

Dadurch wurde das Erdmagnetfeld länger angetrieben, und die Störung klang nur langsam ab.

Den Verlauf dieser Störung konnte das Team aus den simulierten Werten nachrechnen, und er folgte eng dem Verlauf, der sich aus den echten Messungen der Sonde Wind ergibt.

„Intensität und Dauer schwerer geomagnetischer Stürme können von unterschiedlichen physikalischen Prozessen bestimmt werden“, folgern die Autorinnen und Autoren.

Die Stärke legt demnach das Magnetfeld fest, das der Ausbruch mitbringt, die Dauer hingegen der Sonnenwind, dem die Wolke unterwegs begegnet.

Für Vorhersagen, die Satelliten- und Netzbetreiber rechtzeitig warnen sollen, könnte diese Unterscheidung wertvoll sein, weil sich ein Teil der Antwort schon an der Sonne ablesen ließe.

Der Ausbruch löste zudem einen der stärksten Strahlungsstürme des laufenden Sonnenzyklus aus, bei dem energiereiche Teilchen von der Sonne in großer Zahl die Erdumgebung erreichten, und diesem Teil widmet das Team eine eigene Folgestudie.

Meine Einordnung

Bei Sonnenstürmen richtet sich der Blick fast immer auf den grellen Blitz und die explodierende Wolke.

Dass ausgerechnet ein dunkles, scheinbar ruhiges Gebiet daneben mitentschied, wie hart die Erde getroffen wurde, verschiebt diesen Blick auf angenehme Weise.

Überzeugend wirkt auf mich auch, wie offen das Team mit den Lücken seines Modells umgeht.

Die fehlenden Filamente erklären genau die Stellen, an denen Simulation und Wirklichkeit auseinanderliegen, und das ist ein stärkeres Argument für das Modell als eine scheinbar perfekte Übereinstimmung.

Noch handelt es sich um die Analyse eines einzigen Sturms, und ob sich das Muster bei anderen Ausbrüchen wiederholt, müssen weitere Studien zeigen.

Wenn dich der Gedanke genauso wenig loslässt, dass ein dunkler Fleck auf der Sonne mitbestimmt, wie hell der Himmel über uns leuchtet, dann schick diesen Text an jemanden, der beim nächsten Polarlicht-Alarm wissen möchte, was dahintersteckt.

Quelle: Abril Sahade (NASA Goddard Space Flight Center), arXiv, 2026; ArXiv:2610.23704

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