Der Begleiter von Tabbys Stern wirkt größer, als die Physik erlaubt. Ein steil gekippter Staubring könnte das erklären, und der entscheidende Test steht schon bevor.
Der rätselhafte Begleiter von Tabbys Stern könnte einen gewaltigen, fast senkrecht stehenden Ring tragen. Das würde erklären, warum er beim Vorüberziehen viel mehr Sternenlicht abschattet, als ein Planet seiner Masse dürfte. Die Astronomen Wei Zhu und Quanyi Liu von der Tsinghua-Universität haben dafür Messdaten des NASA-Satelliten TESS mit einem eigenen Rechenprogramm neu ausgewertet. Die Daten bevorzugen den Ring nur knapp. Er löst aber ein physikalisches Problem und passt gut zum staubigen Umfeld des berühmten Sterns.
Ein berühmter Stern und ein Begleiter, der zu groß wirkt
Kaum ein Stern hat so viele Schlagzeilen gemacht wie Boyajians Stern, meist Tabbys Stern genannt. Das NASA-Weltraumteleskop Kepler sah ihn immer wieder plötzlich und unregelmäßig dunkler werden, viel stärker, als es ein Planet je bewirken könnte. Manche dachten sogar an Bauwerke von Außerirdischen. Heute deutet vieles auf Staub. Der Stern wird nämlich im blauen Licht stärker abgedunkelt als im roten, und genau so verhalten sich feine Staubkörner.
Die meisten Erklärungen brauchen dafür einen schweren, unsichtbaren Begleiter. Seine Schwerkraft würde Kometen auf Bahnen dicht am Stern lenken, wo sie zerbröseln. Vor Kurzem fand ein anderes Forschungsteam in den TESS-Daten tatsächlich einen sauberen Transit. So nennen Astronomen den Moment, in dem ein Planet vor seinem Stern vorbeizieht und ihn leicht abdunkelt. Zusammen mit Messungen dazu, wie stark der Stern unter dem Zug des Begleiters wackelt, ergab sich ein Gasriese mit rund zehnfacher Jupitermasse.
Nur passte seine Größe nicht. Sein Schatten war für einen Planeten dieser Masse viel zu groß. Mit nur einem einzigen, eher verrauschten Transit ließ sich das kaum klären.
Wie Zhu und Liu den Schatten nachrechneten
Zhu und Liu haben die Lichtkurve dieses Transits neu untersucht, also den Helligkeitsverlauf des Sterns während des Vorbeizugs. Ihr Werkzeug ist ein selbst entwickeltes Rechenprogramm. Es bestimmt, wie viel Licht ein Planet mit Ring in jedem Moment verdeckt. Dann traten zwei Modelle gegeneinander an. Im einen zieht eine nackte Kugel vor dem Stern vorbei, im anderen ein kleinerer Planet mit Ring.
Warum ein einfach nur großer Planet nicht passt
Die naheliegende Deutung wäre ein ungewöhnlich großer Planet. Doch schwere Gasriesen wachsen mit zusätzlicher Masse kaum noch. Mehr Masse bedeutet mehr Schwerkraft, und die presst das Gas stärker zusammen. Deshalb sollten alle etwa so groß sein wie Jupiter. Der Begleiter von Tabbys Stern wirkt aber 60 bis 70 Prozent größer, als Modelle und vergleichbare Planeten erlauben.
Manche Gasriesen blähen sich auf, wenn ihr Stern sie aus nächster Nähe aufheizt oder sie noch warm von ihrer Entstehung sind. Beides scheidet hier aus. Der Begleiter kreist zu weit draußen, und das System ist schon zu alt. Ein Ring könnte das Problem lösen, weil Planet und Ring zusammen mehr Licht verdecken als der Planet allein.
Im Computer schnitt das Ringmodell tatsächlich etwas besser ab. Es erklärt eine kleine Unregelmäßigkeit kurz nach der Mitte des Transits, bei der der Stern etwas heller wird, als eine Kugel es zuließe. Ein steil gekippter Ring beginnt nämlich früher als eine Kugel, den Stern wieder freizugeben.
Dieselbe Aufhellung könnte aber auch ein Sternfleck erzeugen, also eine dunkle Stelle wie ein Sonnenfleck. Zieht der Planet darüber, verdeckt er weniger Licht, und der Stern wirkt kurz heller. Lassen die Forschenden diese Stelle weg, verliert der Ring seinen Vorsprung. „Obwohl die statistischen Belege für den Ring eher schwach sind, ist die physikalische Motivation dafür stark“, schreiben sie in ihrer Studie.
Ein Jupiter mit gekipptem Ring
Im besten Modell ist der Begleiter ein Gasriese von der Größe Jupiters. Um ihn liegt ein undurchsichtiger Ring, dessen Durchmesser drei- bis viermal so groß ist wie der des Planeten. Säße der Planet an der Stelle der Erde, würde der Ring mehr als die halbe Strecke bis zum Mond überspannen. Damit reicht er fast bis an eine natürliche Grenze. Weiter innen zerreißt die Schwerkraft des Planeten jeden Klumpen, bevor daraus ein Mond werden kann.
„Der Ring beseitigt damit die rätselhafte Übergröße vollständig“, schreiben Zhu und Liu. Ungewöhnlich ist die Lage des Rings. Er steht fast senkrecht zur Ebene, in der der Planet seinen Stern umkreist. Liegt der Ring wie bei Saturn über dem Äquator, rollt der Planet gewissermaßen auf der Seite um seinen Stern, ähnlich wie Uranus.
Was der Ring für das Staubrätsel bedeutet
Die beiden vermuten, dass zerbrochene Kometen oder kleine Monde den Ring mit Schutt versorgen. Das könnte derselbe Vorrat an Kleinkörpern sein, aus dem die rätselhaften Verdunkelungen von früher stammen. „Der Begleiter wäre dann zugleich der Störenfried, der Exokometen auf Bahnen dicht am Stern lenkt, und selbst ein staubiges Objekt“, schreiben die Forscher. Exokometen sind Kometen um einen fremden Stern.
Prüfen lässt sich das am nächsten Vorbeizug. Ring und Kugel unterscheiden sich vor allem am Anfang und am Ende eines Transits, wenn der Planet erst teilweise vor dem Stern steht. Der Unterschied ist winzig. Heutige Weltraumteleskope könnten ihn trotzdem messen. Ein Zeitfenster dafür fällt in genau diesen Herbst, weitere folgen Anfang kommenden Jahres.
Meine Meinung dazu
Mir gefällt an dieser Studie, dass sie sich angreifbar macht. Ein anderes Team hatte schon vor Jahren einen beringten Riesen an Tabbys Stern skizziert, doch die daraus vorhergesagten Ereignisse hat bis heute niemand gemeldet. Zhu und Liu liefern dagegen eine Vorhersage, die schon bald scheitern kann. Kennst du jemanden, der damals über Alien-Bauwerke an diesem Stern gerätselt hat? Schick ihm diesen Text, denn dahinter steckt womöglich ein Planet, der mit einem riesigen Staubring auf der Seite liegt.
Skeptisch bleibe ich trotzdem. Der ganze Fall ruht auf einem einzigen Schatten und einer kleinen Aufhellung, die genauso gut ein Sternfleck sein kann. Reizvoll fände ich einen Vergleich in mehreren Farben, denn die alten Verdunkelungen waren im blauen Licht stärker als im roten. Fiele auch der Schatten des Rings im Blauen tiefer aus, würde mich das mehr überzeugen als jede Statistik aus diesem einen Transit.
Quelle: Wei Zhu (Tsinghua University), 2026; ArXiv:2610.34806
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