Ein kanadisches Radioteleskop hat den Ausbruch von FRB 20210601A nur am Rand seines Blickfelds erwischt. Jetzt vermuten Forschende dahinter eine bislang verborgene Klasse kosmischer Blitzquellen.
Am 1. Juni 2021 schoss eine Quelle weit außerhalb der Milchstraße innerhalb von knapp zwei Minuten mindestens neun schnelle Radioblitze ab und ist seitdem nie wieder aufgefallen.
Das passt nicht zum gängigen Bild, nach dem wiederholt blitzende Quellen in einem halbwegs gleichmäßigen Takt feuern.
Ein internationales Team um Ryan Mckinven von der McGill University hat die Serie in den Archivdaten des kanadischen Radioteleskops CHIME aufgespürt und geprüft, ob die anschließende Stille echt ist.
Die Forschenden folgern, dass es eine bisher übersehene Gruppe von Quellen geben könnte, die nur in seltenen, extrem kurzen Stürmen aktiv werden.
Was man über schnelle Radioblitze bisher weiß
Schnelle Radioblitze, in der Fachwelt Fast Radio Bursts oder kurz FRBs genannt, sind Ausbrüche von Radiowellen, die nur Millisekunden dauern und aus Galaxien weit jenseits der Milchstraße stammen.
Teleskope haben inzwischen Tausende davon registriert, doch die allermeisten leuchteten nur ein einziges Mal auf.
Nur ein kleiner Teil der Quellen meldet sich wiederholt, und gerade diese Wiederholer verraten besonders viel, weil man sie gezielt erneut beobachten kann.
Ob die übrigen Quellen wirklich nur einmal blitzen oder ob man ihre weiteren Blitze schlicht verpasst, gehört zu den großen offenen Fragen des Fachs.
Die bisherigen Statistiken gehen davon aus, dass jede Quelle im Mittel gleichmäßig feuert, ähnlich wie ein tropfender Wasserhahn, der mal schneller und mal langsamer tropft, auf Dauer aber immer gleich viel Wasser verliert.
Eine Quelle, die nur ein einziges Mal gesehen wurde, wäre nach dieser Vorstellung einfach ein besonders langsamer Tropfer.
Ob dieses Bild für alle Quellen stimmt, ließ sich bislang kaum prüfen, weil kein Teleskop eine einzelne Stelle am Himmel über Jahre hinweg ständig im Blick behält.
Wie das Team die Blitze im Archiv fand
Die neue Studie stammt von einem großen Team um den Astrophysiker Ryan Mckinven von der McGill University in Montréal.
Die Daten lieferte CHIME, ein Radioteleskop in der kanadischen Provinz British Columbia, das aus vier riesigen, halbrohrförmigen Antennenrinnen besteht und sich selbst nicht bewegt.
Stattdessen schiebt die Erddrehung den Himmel einmal am Tag über das Teleskop hinweg, sodass jede Stelle des Nordhimmels täglich für einige Minuten durch sein Blickfeld wandert.
Am 1. Juni 2021 registrierte CHIME dabei die neun Blitze, doch eine Netzwerkstörung verhinderte, dass das System die üblichen Sofortmeldungen verschickte.
Erst im Dezember 2024 stießen die Forschenden bei einer systematischen Durchsicht der Datenbank auf die Serie, als sie den zweiten großen Katalog des Teleskops zusammenstellten.
Die Studie ist bislang als Preprint erschienen und wurde also noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.
Wie die Forschenden die Stille überprüften
Wäre die Quelle ein gewöhnlicher Wiederholer mit gleichmäßigem Takt, hätte CHIME sie bei diesem Tempo an fast jedem Tag erwischen müssen.
Stattdessen fand das Team in mehr als 300 Stunden Beobachtungszeit, verteilt über die Jahre vor und nach dem Ausbruch, keinen einzigen weiteren Blitz.
Die naheliegende Erklärung wäre, dass die Quelle einfach aus dem Blick geraten ist, denn die Erdachse eiert langsam wie ein Kreisel und verschiebt dadurch mit den Jahren, wo genau ein Objekt das Teleskop überquert.
Die Forschenden rechneten nach und fanden, dass die tägliche Beobachtungszeit für diese Stelle dadurch nur um wenige Prozent pro Jahr schrumpft, was nicht mehr ist als bei anderen Quellen, die trotzdem regelmäßig weiterblitzen.
Auch die Idee, dass die Quelle danach einfach leiser weitermachte, hielt nicht stand, weil das Team in den Tagen rund um den Ausbruch nicht einmal gehäuft schwache Signale knapp unter der Nachweisgrenze fand.
Mit Simulationen prüften die Forschenden schließlich, ob der Sturm vielleicht schon früher begonnen hatte und CHIME nur das Ende mitbekam.
Hellere Blitze wären in den Minuten davor aber sichtbar gewesen, sodass die knapp zwei Minuten tatsächlich ein abgeschlossenes Aktivitätsfenster markieren.
Wie dicht der Ausbruch tatsächlich war
Um den Sturm einzuordnen, verglich das Team ihn mit den aktivsten bekannten Wiederholern, die das chinesische Radioteleskop FAST mit seiner gewaltigen Antennenschüssel beobachtet hat.
Auf den ersten Blick ließen diese Quellen FRB 20210601A alt aussehen, denn FAST zählte bei ihnen in einem gleich langen Zeitfenster zeitweise Dutzende Blitze.
FAST ist allerdings so empfindlich, dass es auch sehr schwache Blitze aufzeichnet, die CHIME niemals bemerken würde.
Als die Forschenden nur jene Blitze zählten, die mindestens so hell waren wie der schwächste der neun, kamen selbst diese Rekordquellen im selben Zeitraum auf höchstens acht.
Damit zeigt FRB 20210601A die höchste Blitzrate auf Minutenskala, die bei vergleichbarer Helligkeit bislang von einer wiederholenden Quelle gemeldet wurde.
Die Quelle feuerte ihre neun kräftigen Blitze also in kürzerer Zeit ab, als ein Popsong im Radio dauert, und blieb danach jahrelang stumm.
Weil sie während des Sturms nur am Rand des Blickfelds lag, wo CHIME deutlich weniger empfindlich ist, schätzt das Team, dass in der Mitte des Blickfelds mehr als doppelt so viele Blitze aufgefallen wären.
In allen anderen Eigenschaften, etwa der Form der einzelnen Blitze, wirkt die Quelle dagegen völlig durchschnittlich.
„Das zeitliche Verhalten von FRB 20210601A ist auffallend stark gehäuft“, schreiben die Forschenden, die die Quelle als „extremen Ausreißer“ unter allen von CHIME erfassten Wiederholern einstufen.
Was hinter den Blitzen stecken könnte
Eine eindeutige Erklärung hat das Team nicht, es prüft aber mehrere Kandidaten.
Naheliegend ist ein Magnetar, also ein ausgebrannter Sternrest, kaum größer als eine Stadt, mit dem stärksten Magnetfeld, das man im Universum kennt.
Solche Objekte in unserer Milchstraße entladen aufgestaute Spannungen gelegentlich in regelrechten Gewittern aus Röntgenblitzen, und einer von ihnen spuckte nach Jahren der Ruhe innerhalb weniger Stunden Dutzende solcher Ausbrüche aus.
Selbst dieser Vergleich hinkt allerdings, weil der Sturm von FRB 20210601A noch einmal deutlich kürzer war als jedes bekannte Beispiel aus der Milchstraße.
Denkbar wäre auch eine Art kosmische Lupe, etwa eine Wolke aus elektrisch geladenem Gas, die sich kurz vor die Quelle schob und deren sonst zu schwache Blitze für einen Moment verstärkte.
„Ob FRB 20210601A ein statistischer Ausreißer ist oder das erste klare Beispiel einer bislang zu selten erfassten Klasse stark schubweise aktiver Wiederholer, bleibt ungewiss“, schreiben die Forschenden.
Falls es diese Klasse gibt, könnten sich manche vermeintlichen Einmal-Blitze als solche Stürme entpuppen, von denen CHIME zufällig nur einen Ausläufer mitbekommen hat, was die Frage berührt, ob am Ende vielleicht alle Quellen wiederholt blitzen.
„Unabhängig vom zugrunde liegenden Mechanismus zeigt FRB 20210601A, dass die Wiederholungseigenschaften von FRB-Quellen eine größere Bandbreite umfassen als bisher bekannt“, heißt es in der Studie.
Das Team schlägt vor, die Stelle gezielt mit FAST zu beobachten, um in der scheinbaren Ruhephase nach sehr schwachen Blitzen zu suchen, die die Idee der seltenen Stürme auch widerlegen könnten.
Nach ihrem Modell dürfte CHIME in den kommenden Jahren außerdem eine Handvoll weiterer solcher Quellen aufspüren, am ehesten in Himmelsregionen, die das Teleskop besonders lange und empfindlich im Blick hat.
Meine Einschätzung
Mich fasziniert an dieser Studie weniger der Ausbruch selbst als die Frage, wie leicht er hätte unbemerkt bleiben können.
Die Quelle lag am Rand des Blickfelds, die Meldung ging wegen einer Netzwerkstörung verloren, und entdeckt wurde alles erst Jahre später beim Durchforsten der Datenbank.
Man ahnt, wie viele solcher Stürme schon durchs Raster gefallen sein könnten, einfach weil gerade kein Teleskop auf die richtige Stelle schaute.
Gleichzeitig zeigt der Fund, wie viel in einer stillen Annahme stecken kann, denn die Vorstellung vom gleichmäßigen Takt war bequem und für viele Quellen auch brauchbar.
Die Natur hält sich offenbar nicht immer an Durchschnittswerte, und manche Quellen scheinen jahrelang zu schweigen, um dann in kürzester Zeit alles auf einmal herauszulassen.
Dass die Forschenden bei einem einzigen Fall offen lassen, ob sie eine neue Klasse oder nur einen seltenen Ausreißer vor sich haben, halte ich für ehrlich und angemessen.
Vielleicht tobt irgendwo da draußen gerade jetzt eine Quelle für zwei Minuten, während kein Teleskop hinhört.
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Quelle: Ryan Mckinven (McGill University), 2026; ArXiv:2610.31365
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