Halleys Komet: Nur zwei Starttermine führen 2060 zum Rendezvous

Thomas Schmidt

3. September 2026

Ein Team aus Abu Dhabi und Italien hat durchgerechnet, wie eine Sonde den Halleyschen Kometen einholen könnte, statt an ihm vorbeizurasen. Gebaut werden könnte sie aus Technik, die es heute schon gibt.

Wenn der Halleysche Komet 2061 zur Sonne zurückkehrt, könnte ihn zum ersten Mal eine Raumsonde über Monate begleiten, statt ihn in wenigen Stunden zu streifen.

Eine Arbeitsgruppe der Khalifa University in Abu Dhabi hat dafür eine Flugbahn berechnet, die zwei Vorbeiflüge an Jupiter und Saturn mit einem schwachen, aber jahrelang laufenden Elektroantrieb verbindet und ohne Technologien auskommt, die es noch gar nicht gibt.

Der Preis dafür ist ein sehr enges Zeitfenster, denn im ganzen Jahrzehnt zwischen 2030 und 2040 funktionieren nur zwei Starttermine, nämlich 2036 und 2037. Wer beide verpasst, wartet auf die nächste Wiederkehr im 22. Jahrhundert.

Was die Sondenflotte 1986 nicht sehen konnte

Halley ist der einzige helle Komet, dessen Rückkehr sich seit Jahrhunderten präzise vorhersagen lässt, und genau deshalb schickte die Raumfahrt 1986 gleich mehrere Sonden zu ihm.

Sie flogen alle nur vorbei, mit einem Tempo, das den Aufenthalt in der Gas- und Staubhülle des Kometen auf wenige Stunden schrumpfen ließ.

Fotografiert werden konnte deshalb nur eine Hälfte des Kerns, und wie schnell und um welche Achse dieser Kern rotiert, ließ sich nicht sauber bestimmen.

Bis heute vermuten Forschende, dass der Kern aus zwei aneinandergelagerten Brocken besteht, belegen lässt sich das mit den Bildern von damals aber nicht.

Warum Halley so schwer einzuholen ist

Eine Sonde, die den Kometen nicht überholen, sondern neben ihm herfliegen soll, muss dessen Bewegung exakt übernehmen.

Das ist bei Halley besonders teuer, weil er die Sonne entgegen der Laufrichtung aller Planeten umrundet und seine Bahn dabei stark gegen die Ebene des Sonnensystems gekippt ist.

Eine von der Erde gestartete Sonde bringt aber die Bewegung der Erde mit und müsste diese erst einmal komplett umkehren.

Frühere Studien lösten das Problem mit Kernreaktoren im Weltraum, die eine Leistung von rund hundert Kilowatt liefern sollten. Diese Technik wurde nie gebaut.

Wie das Team in Abu Dhabi die Bahn zusammensetzte

Die Gruppe um Elena Fantino von der Khalifa University hat deshalb gemeinsam mit Kollegen aus Rom, Neapel und Padua eine Route gesucht, die mit vorhandenen Bauteilen auskommt.

Als Antrieb setzen sie einen elektrischen Triebwerkstyp an, der Gas beschleunigt und dabei ungefähr so viel Schub erzeugt, wie ein Fünf-Cent-Stück auf der Handfläche wiegt.

Den Strom liefern Radionuklidbatterien, die Wärme aus radioaktivem Zerfall in Elektrizität wandeln und seit Jahrzehnten in Raumsonden fliegen.

Gerechnet wurde die Bahn am Computer, mit den offiziellen Bahndaten von Planeten und Komet aus dem Archiv des Jet Propulsion Laboratory.

Die Arbeit liegt bislang als Preprint vor, sie hat also noch kein unabhängiges Fachgutachten durchlaufen.

Warum der günstigste Starttermin durchfiel

Auf den ersten Blick sah 2032 nach dem idealen Jahr aus. Saturn steht in den Jahren danach genau dort, wo sein Schwerefeld die Sonde am wirksamsten in Halleys Bahnebene kippen kann, und die anschließende, mehr als zwanzig Jahre lange Strecke zum Kometen wäre für den Antrieb bequem zu schaffen.

Der Bruch kam auf dem Zwischenstück. Um Saturn rechtzeitig zu erreichen, müsste die Sonde ihre Bahn zwischen Jupiter und Saturn um rund 3,7 Kilometer pro Sekunde korrigieren, und in den knapp zwei bis vier Jahren, die diese Etappe dauert, schafft das schwache Triebwerk kaum die Hälfte davon.

Damit fiel die günstige Saturnstellung als Option weg, und übrig blieben nur die beiden Jahre, in denen der Weg von Jupiter zu Saturn ganz ohne Korrektur auskommt.

Was die Sonde 2060 vorfinden würde

Bei einem Start im August 2036 erreicht die Sonde im Februar 2038 Jupiter, dessen Schwerkraft sie auf eine Bahn wirft, die sie ohne weiteres Zutun aus dem Sonnensystem hinaustragen würde.

Ende 2039 fängt Saturn sie wieder ein, dreht sie in die Gegenrichtung und kippt sie in die Ebene des Kometen.

Zwanzig Jahre später, im September 2060, träfe sie noch innerhalb der Jupiterbahn auf Halley, mit gut einer Tonne Masse an Bord und mit einer Relativgeschwindigkeit nahe null.

1986 rasten die Sonden mit etwa 70 Kilometern pro Sekunde am Kometen vorbei, das entspricht der Strecke Hamburg–München in weniger als zehn Sekunden.

Diesmal bliebe Zeit, den ganzen Kern zu kartieren und zuzusehen, wie seine Aktivität einsetzt, während er sich der Sonne nähert.

Das Team beschreibt seinen Entwurf als das erste praktikable Rendezvous-Konzept für Halley, das ausschließlich auf erprobter Technik beruht.

Rosetta hat zwar bereits einen Kometen begleitet, allerdings einen, der brav in Laufrichtung der Planeten und fast in deren Ebene unterwegs ist.

Wichtiger als der Rekordanspruch ist ohnehin der Kalender, denn zwischen dem heutigen Papier und einem Start im August 2036 liegen keine zehn Jahre, und so schnell entsteht keine Raumsonde.

Wenn dich der Gedanke ebenso festhält wie mich, dass über eine Reise entschieden werden muss, deren Ziel erst unsere Kinder erreichen, dann gib den Text weiter.

Meine Meinung dazu

Mich hat an dieser Arbeit weniger die Flugbahn beeindruckt als das, was sie über Zeithorizonte verrät.

Hier rechnen Menschen eine Mission durch, deren Ankunft sie selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr im Dienst erleben werden, und sie tun es mit dem nüchternen Argument, dass jedes verlorene Jahr das Fenster kleiner macht.

Gelernt habe ich außerdem, wie brutal die Himmelsmechanik Prioritäten setzt. Nicht die beste Technik entscheidet über den Starttermin, sondern die Frage, wo Jupiter und Saturn an einem bestimmten Tag zufällig stehen.

Quelle: R. Flores, E. Fantino et al. (Khalifa University of Science and Technology, Abu Dhabi), Preprint, 2026; arXiv:2609.02189

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