Falcon-9-Krater auf dem Mond: Die Standardformel lag um das Zwei- bis Dreifache daneben

Thomas Schmidt

25. August 2026

Eine ausgebrannte Raketenstufe hinterließ am Westrand des Mondes eine flache Delle. Ihre Größe verrät, warum eine leere Blechröhre ganz anders einschlägt als ein Felsbrocken.

Am 5. August 2026 schlug die ausgediente Oberstufe einer SpaceX-Falcon-9 nahe dem Mondkrater Einstein ein, und der Lunar Reconnaissance Orbiter fotografierte wenige Tage später eine flache Mulde von rund 18 Metern Durchmesser.

Damit fiel der Krater deutlich kleiner aus als erwartet, denn die gängige Skalierungsformel der Einschlagsforschung hatte das Zwei- bis Dreifache vorhergesagt. Mavia Anjum von der University of Idaho hat den Treffer nachgerechnet und die verschiedenen Vorhersagemethoden gegen die tatsächliche Messung geprüft.

Die Abweichung führt die Studie darauf zurück, dass die Stufe im Grunde eine leere, langgestreckte Röhre ist, deren Masse sich am Triebwerksende ballt. Für die Einschätzung künftiger Trümmer-Einschläge heißt das, dass gemessene Vergleichsfälle verlässlicher sind als die Lehrbuchrechnung.

Was Menschen auf dem Mond zurücklassen

Seit den 1960er-Jahren landet auf dem Mond nicht nur Technik, die dort landen soll. Ausgebrannte Raketenstufen, ausgefallene Sonden und Missionsschrott treffen die Oberfläche mal absichtlich, mal weil niemand mehr steuert.

Für die Forschung sind diese Einschläge ein Glücksfall, weil Masse, Geschwindigkeit und Form des Objekts ungefähr bekannt sind, anders als bei einem natürlichen Meteoroiden, der ohne Vorwarnung ankommt.

Jeder frische Krater ist damit ein Experiment mit bekannten Zutaten. Die vier Oberstufen der Apollo-Missionen etwa wurden gezielt auf den Mond gelenkt, damit die dort aufgestellten Seismometer das Beben aufzeichnen konnten.

Warum eine leere Raketenstufe die Rechnung stört

Um die Größe eines Kraters vorherzusagen, greifen Forschende auf Skalierungsformeln zurück, die aus Laborversuchen und aus der Vermessung natürlicher Einschläge stammen. Diese Formeln setzen ein kompaktes Geschoss voraus, also einen Brocken, der seine Masse gleichmäßig über sein Volumen verteilt.

Eine Raketenoberstufe ist genau das nicht. Die zweite Stufe einer Falcon 9 ist ein dünnwandiger Tank aus einer Aluminium-Lithium-Legierung, nach dem Ausbrennen praktisch ein leeres Rohr, an dessen einem Ende das schwere Triebwerk sitzt.

Wie stark diese Bauform das Ergebnis verändert, ließ sich bislang kaum prüfen, weil selten alles zusammenkommt, nämlich ein bekanntes Objekt, eine bekannte Geschwindigkeit und ein anschließend vermessener Krater.

Wie Mavia Anjum den Einschlag nachrechnete

Anjum vom Department of Physics der University of Idaho hat genau diesen Fall durchgerechnet. Aus Masse und Aufprallgeschwindigkeit der Stufe ergibt sich eine Bewegungsenergie, die etwa 2,8 Tonnen TNT entspricht.

Die Kratergröße schätzte die Studie auf zwei Wegen ab, einmal mit der klassischen Skalierungsformel und einmal über bereits vermessene Raketen-Einschläge als Vergleichsfälle.

Die Kontrolle lieferten Aufnahmen der Schmalwinkelkamera des Lunar Reconnaissance Orbiter, die aus der Mondumlaufbahn noch Details im Meterbereich auflöst, nachdem die südkoreanische Sonde Danuri die Stelle schon wenige Stunden nach dem Einschlag fotografiert und dem LRO-Team die genauen Koordinaten geliefert hatte.

Die Arbeit liegt bisher als Preprint auf dem Server arXiv und hat die unabhängige Fachbegutachtung noch nicht durchlaufen.

Die naheliegende Rechnung scheiterte

Der erste Weg war die Lehrbuchformel. Sie behandelt die Stufe wie eine massive Aluminiumkugel gleichen Gewichts und kommt für diesen Einschlag auf einen Krater von 46 bis 57 Metern.

Zwischen dem 11. und 12. August fotografierte LRO die Stelle, und der Krater maß gerade einmal 18 Meter. Damit lag die Formel um das Zwei- bis Dreifache über der Wirklichkeit.

Der zweite Weg führte näher heran. Anjum verglich den Treffer mit echten, bereits vermessenen Raketen-Einschlägen, unter anderem mit einer Oberstufe unbekannter Herkunft, die 2022 auf der Rückseite des Mondes aufschlug.

Auch diese Schätzung fiel noch merklich zu groß aus. Der Grund steckte in einer Eigenheit des Vergleichsfalls, denn der Krater von 2022 besteht aus zwei nebeneinanderliegenden Mulden. Jene Stufe hatte eine zusätzliche Nutzlast an Bord, sodass ihre Masse an beiden Enden saß und zwei getrennte Treffer entstanden, während die Falcon-9-Stufe leer war.

Als in der Rechnung nur noch eine der beiden Mulden als Maßstab diente, ergab sich genau der Durchmesser, den LRO gemessen hatte.

Warum eine hohle Röhre kleinere Krater schlägt

Ein kompakter Brocken gibt seine Bewegungsenergie an einem Punkt und in einem einzigen Moment ab, während eine langgestreckte, hohle Röhre beim Aufprall zusammenfaltet und ihre Wucht über eine längere Strecke und eine größere Fläche verteilt.

Dadurch gelangt weniger Energie in den Boden, und der Krater bleibt kleiner. Übrig blieb eine Mulde von 18 Metern Durchmesser, so breit wie ein Gelenkbus lang ist, und so flach, dass sich ihre Tiefe nur über die Länge des Schattens am Kraterboden eingrenzen ließ.

„Die hohle und langgestreckte Geometrie der Stufe, und nicht eine einzelne mittlere Dichte, ist der wichtigste Faktor für die Kratergröße“, heißt es in der Studie.

Was der Fund für künftige Einschläge bedeutet

Für den Mond selbst war der Treffer belanglos, weil der übertragene Schwung nach den Berechnungen um mehrere Größenordnungen unter dem liegt, was den Mond spürbar stören würde.

Interessant ist der Krater als Werkzeug. Weil seine Form die innere Massenverteilung des Einschlagkörpers abbildet, lässt sich aus einer frischen Delle ablesen, wie das Objekt gebaut war, das sie geschlagen hat.

Für kommende Einschläge zieht die Studie daraus eine praktische Regel, nach der Skalierungsformeln für kompakte Körper bei hohlen Raketenstufen nicht taugen und massegleiche Vergleichsfälle das Ergebnis zuverlässiger vorhersagen.

Dass ein einziges, bus-großes Loch auf dem Mond genügt, um die Grenzen einer jahrzehntealten Formel sichtbar zu machen, ist die Art von Detail, die ich sofort weitererzählen würde. Wenn es dir genauso geht, gib den Text weiter.

Meine Meinung dazu

Was mich an dieser Arbeit überzeugt, ist ihre Bescheidenheit. Anjum verkauft kein neues Modell, sondern dokumentiert sauber, welche Rechenwege wie weit danebenlagen, und benennt die eigenen Schwächen deutlich, von der unsicheren Masse der Stufe bis zur fehlenden dreidimensionalen Vermessung des Kraters.

Gelernt habe ich vor allem, dass die Form eines Einschlagkörpers mehr über den Krater verrät als seine mittlere Dichte. Ich hätte spontan auf Masse und Tempo getippt und die Geometrie für ein Detail gehalten.

Dass die beste Vorhersage am Ende aus dem simpelsten Ansatz kam, aus dem Vergleich mit einem ähnlich schweren, tatsächlich vermessenen Treffer, ist eine hübsche Erinnerung daran, dass die aufwendigere Methode nicht automatisch die genauere ist.

Quelle: Mavia Anjum (University of Idaho), arXiv-Preprint, 2026; arXiv:2608.22325

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