Sternschnuppen über dem Mars: Wo die allererste aufleuchten wird

Thomas Schmidt

18. August 2026

Noch nie hat jemand von der Marsoberfläche aus eine Sternschnuppe gesehen. Eine neue Berechnung sagt voraus, wo man zuerst hinschauen müsste und wie kurz der Blitz ausfällt.

Ein Forschungsteam hat 144 auf der Erde beobachtete Meteore rechnerisch in die Marsatmosphäre versetzt und daraus eine Art Landkarte erstellt.

Sie zeigt, in welcher Höhe und mit welcher Helligkeit millimetergroße Teilchen dort aufleuchten würden.

Das Ergebnis widerspricht dem Modell, das bisherige Mars-Vorhersagen bestimmt hat, denn dieses zieht die Leuchtspur mehr als doppelt so lang.

Rechnet man ein, dass solche Teilchen beim Eintritt zerbrechen, entsteht stattdessen ein kürzerer, hellerer Blitz.

Für künftige Rover und Lander liefert die Studie damit ein konkretes Ziel, um die erste bestätigte Marssternschnuppe einzufangen.

Warum vom Mars bisher keine Sternschnuppe bekannt ist

Auf der Erde sind Sternschnuppen bestens vermessen.

Winzige Körnchen aus dem All treten in die Luft ein, verglühen und reichern die obere Atmosphäre mit verdampftem Metall an.

Am Mars ist bislang keine einzige solche Leuchterscheinung von der Oberfläche aus bestätigt.

Trotzdem gibt es indirekte Spuren.

Sonden wie Mars Express und MAVEN haben in der Marsionosphäre Schichten aus Magnesium- und Eisen-Ionen entdeckt, und zwar in genau den Höhen, in denen einfallende Teilchen verglühen müssten.

Dass ständig Material auf den Mars niederrieselt, gilt damit als sicher.

Aufleuchten gesehen hat es nur noch niemand.

Die ungelöste Frage nach Höhe und Helligkeit

Wer mit einer Kamera auf der Marsoberfläche die erste Sternschnuppe einfangen will, muss zwei Dinge wissen: in welcher Höhe sie aufblitzt und wie hell sie wird.

Beides ließ sich bisher nur schwer beantworten. Eine direkte Beobachtung fehlt, also mussten Vorhersagen auf Modelle zurückgreifen, die ursprünglich für die Erde entwickelt wurden.

Am häufigsten kam dabei ein einfaches Verfahren zum Einsatz, das den Meteor als kompakten Klumpen behandelt, der beim Flug gleichmäßig Masse verliert.

Ob dieses Bild für den Mars trägt, war offen.

Wie das Team die Marsmeteore berechnete

Maximilian Vovk, Peter G. Brown und Denis Vida von der University of Western Ontario gingen den umgekehrten Weg.

Mit hochempfindlichen EMCCD-Videokameras und dem Canadian Automated Meteor Observatory (CAMO), einem System aus beweglichen Spiegeln, das einzelne Meteore verfolgt, hatten sie 144 sporadische Sternschnuppen über Kanada aufgezeichnet.

Aus Helligkeitsverlauf und Abbremsung leiteten sie mit einem statistischen Verfahren namens dynamic nested sampling die physikalischen Eigenschaften jedes Teilchens ab, etwa Masse, Dichte und Bruchverhalten.

Diese realen Teilchen setzten sie anschließend rechnerisch in die dünne, kohlendioxidreiche Marsatmosphäre und simulierten ihren Eintritt neu.

Die Studie ist als Preprint erschienen und bislang nicht peer-reviewed.

Warum das Standardmodell an der Realität scheiterte

Das kompakte Klumpen-Modell hat einen praktischen Vorteil.

Es ist einfach und lässt sich leicht von einem Planeten auf den anderen übertragen.

Nur passt es schlecht zur Wirklichkeit.

Hochaufgelöste Videobeobachtungen auf der Erde zeigen, dass fast neun von zehn schwachen Meteoren beim Eintritt zerbrechen und ihre Körnchen einzeln freisetzen.

Dieser Unterschied schlägt in der Simulation voll durch.

Überträgt man das Klumpen-Modell auf den Mars, zieht sich die leuchtende Spur über rund 45 Kilometer; rechnet man das Zerbrechen mit, bleiben davon nur etwa 20 Kilometer übrig.

Der zweite Wert liegt nahe an dem, was Kameras auf der Erde tatsächlich messen.

Das gängige Verfahren hätte künftige Marsinstrumente also auf eine mehr als doppelt so lange und entsprechend blassere Spur eingestellt.

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Ein kurzer, heller Blitz aus millimetergroßen Teilchen

Weil das Zerbrechen das Licht auf eine kürzere Strecke bündelt, fällt der Blitz in dieser Rechnung heller aus als im alten Modell und konzentriert sich auf ein schmales Höhenband in der mittleren Marsatmosphäre.

Verantwortlich dafür sind erstaunlich kleine Objekte. Die untersuchten Meteoroiden messen nur wenige Millimeter, vom Sandkorn bis zum kleinen Kiesel.

Ein solches Körnchen genügt, um am Marshimmel einen sichtbaren Streifen zu ziehen.

Gegenüber der Erde bleiben die meisten Marssternschnuppen allerdings blasser, vor allem die langsameren, weil die dünnere Luft und die geänderten Eintrittsgeschwindigkeiten ihre Helligkeit drücken.

Was der Fund für künftige Marsmissionen bedeutet

Die vorhergesagte Verglühzone fällt genau in den Höhenbereich, in dem Sonden bereits jene Magnesium- und Eisen-Schichten gemessen haben.

Diese Übereinstimmung ist ein unabhängiger Hinweis darauf, dass die Rechnung in die richtige Richtung zeigt.

Aus den Ergebnissen leiten die Autoren Höhen-Helligkeits-Karten ab, die sie als „beobachtungsbereite Orientierung für künftige Marsmissionen“ bezeichnen.

Zugleich lassen sich damit die großen Meteoroiden-Umgebungsmodelle von NASA und ESA nachschärfen, die für andere Planeten bisher kaum durch Messungen abgesichert sind.

Für mich steckt der eigentliche Reiz aber woanders.

Stell dir vor, in einer klaren Marsnacht richtet ein Rover seine Kamera nach oben und zeichnet einen einzelnen Lichtstreif auf, den noch nie ein Mensch oder eine Maschine von der Oberfläche eines anderen Planeten aus gesehen hat.

Wenn dich dieser Gedanke ebenso packt wie mich, gib den Artikel jemandem weiter, der bei Sternschnuppen immer nach oben schaut.

Meine Meinung dazu

Mich hat am meisten überrascht, wie lange ein bequemes Standardmodell die Vorhersagen für andere Planeten prägen konnte, obwohl die Beobachtungen auf der Erde längst etwas anderes nahelegten.

„So haben wir es immer gerechnet“ ist eben nicht dasselbe wie „so stimmt es“.

Was die Studie leistet, ist beachtlich. Sie macht aus einem vagen „irgendwann“ ein konkretes „schau in dieser Höhe nach einem kurzen, hellen Streifen“, und genau solche Vorarbeit entscheidet oft darüber, ob eine erste Sichtung überhaupt gelingt.

Quelle: Maximilian Vovk, Peter G. Brown, Denis Vida (University of Western Ontario), arXiv-Preprint, 2026; arXiv:2608.16558

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