Reflect Orbitals Weltraumspiegel löscht die Sterne aus

Thomas Schmidt

10. August 2026

Eine Firma will Licht aus dem All verkaufen. Doch schon ein einziger Spiegel würde den Nachthimmel bis zu 30 Kilometer weit überstrahlen – und geplant sind 50.000 davon.

Ein einzelner der geplanten Spiegel leuchtet nachts rund 40-mal heller als der Vollmond und zerstört den Sternenhimmel weit über den beleuchteten Fleck hinaus.

Ausgerechnet ein Produkt, das Licht auf Bestellung verspricht, entpuppt sich damit als beispiellose Lichtverschmutzungs-Maschine: Im Kegel bleibt kein Stern sichtbar, und der Schaden reicht bis zu 30 Kilometer weit.

Nachgerechnet hat das ein Team aus der Slowakei und aus Princeton – mit einem 3D-Modell der Lichtstreuung, also genau der Prüfung, die die US-Behörde vor der Genehmigung ausließ.

Der Testsatellit EARENDIL-1 ist bereits durchgewinkt. Bis zu 50.000 größere Spiegel könnten folgen.

Der uralte Traum vom Licht aus dem All

Menschen wollen die Nacht schon lange abschaffen.

Der Raketenpionier Hermann Oberth entwarf bereits in den 1920ern riesige Orbitalspiegel, die Sonnenlicht auf die Erde werfen sollten.

In den 1990ern spannte Russland mit dem Znamya-Programm tatsächlich eine glänzende Folie im All auf – ein wandernder Lichtfleck, ungefähr so hell wie der Vollmond.

Danach wurde es still.

Bis jetzt.

Das Start-up Reflect Orbital will den Traum wahr machen: Spiegel im Orbit, die Licht nach unten schicken, wann immer jemand es bestellt.

Der erste Testsatellit heißt EARENDIL-1.

Die US-Behörde FCC hat den Start bereits genehmigt.

Niemand hatte ausgerechnet, was das mit der Nacht macht

Eine Frage blieb offen.

Wie hell wird der Himmel eigentlich, wenn so ein Spiegel angeht?

Reflect Orbital lieferte dazu nichts.

In den Plänen fehlt jede Abschätzung der Lichtverschmutzung.

Und die FCC winkte das Projekt durch, ohne die Folgen für Umwelt und Nachthimmel zu prüfen.

Genau in diese Lücke stößt eine neue Studie.

Sie liefert die Rechnung, die vorher niemand aufgemacht hat.

Ein Team aus Bratislava und Princeton macht die Gegenrechnung

Miroslav Kocifaj von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften und der Comenius-Universität in Bratislava hat den Spiegel gemeinsam mit Gáspár Bakos von der Princeton University und František Kundracik durch ein 3D-Modell der Lichtstreuung geschickt – ein Verfahren, das verfolgt, wie einzelne Lichtteilchen in der Luft an Molekülen und Staub abgelenkt werden.

So lässt sich die Himmelshelligkeit an jedem Punkt berechnen.

Zum Vergleich rechneten sie denselben Himmel unter Vollmond durch.

Wichtig zur Einordnung: Die Arbeit ist bislang ein Preprint.

Öffentlich, aber noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

„Nur ein kleiner Lichtfleck“ – der Trugschluss

Der naheliegende Einwand: Es ist doch bloß ein Fleck, wenige Kilometer breit.

So schlimm wie eine beleuchtete Kleinstadt kann das nicht sein.

Genau hier kippt der Denkweg der Forscher die Intuition.

Denn eine Stadt beleuchtet in Wahrheit nur einen winzigen Teil ihres Bodens.

Das Licht klebt an den Straßen.

Nur etwa ein Zehntel der Fläche ist überhaupt erhellt, der Rest – Dächer, Höfe, Felder – bleibt dunkel.

Der Spiegel macht es anders.

Er leuchtet den kompletten Fleck aus.

Gleichmäßig.

So hell wie unter einer Straßenlaterne.

Damit strahlt er weit mehr Licht nach oben als eine ganze Stadt derselben Größe.

Schon diese simple Überschlagsrechnung schrie „enorm“.

Erschwerend kam hinzu, dass der Strahl so schmal ist, dass er durch das Raster des Standardmodells rutschte – den ersten Streuvorgang mussten die Forscher deshalb gesondert von Hand ausrechnen.

Das volle 3D-Modell bestätigte den Verdacht dann.

Heller als der Vollmond – und der Himmel ist weg

Das Ergebnis ist drastisch.

Ein einziger der großen Spiegel – jede Kante halb so lang wie ein Fußballfeld – leuchtet am Nachthimmel rund 40-mal heller als der Vollmond.

Ein einzelner, gleißender Punkt.

Wer im Lichtkegel steht, sieht keinen Nachthimmel mehr.

„Innerhalb des beleuchteten Flecks ist der Nachthimmel verloren“, heißt es in der Studie.

„Nicht einmal die hellsten Sterne bleiben sichtbar.“

Der Himmel sieht aus wie kurz nach Sonnenuntergang.

Und der Schaden bleibt nicht im Fleck.

Das gestreute Licht hellt den Himmel noch bis zu 30 Kilometer weit auf.

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Die Umweltprüfung, die vor dem Start hätte kommen müssen

Damit liefert die Studie nach, was im Genehmigungsverfahren fehlte.

„Die Pläne beziffern die entstehende Lichtverschmutzung nicht“, schreiben die Forscher – und die Behörde habe die Umwelt- und Sicherheitsfolgen schlicht nicht berücksichtigt.

Dabei rechneten sie sogar den günstigsten Fall: klaren, wolkenfreien Himmel.

Zieht ein Spiegel über Wolken, wäre der Schein noch aus weit größerer Entfernung sichtbar.

Betroffen wären Sternwarten, Zugvögel, nachtaktive Tiere – und jeder, der nachts einfach nur nach oben schaut.

Bündelt man Hunderte Spiegel auf denselben Fleck, wird der Schein aus enormer Distanz offensichtlich.

Und geplant ist keine Handvoll, sondern eine Flotte von 50.000.

EARENDIL-1 fliegt – die Flotte ist die eigentliche Frage

Der Testspiegel EARENDIL-1 ist genehmigt und soll den Weg bahnen.

Ob die große Flotte folgt, ist offen.

Den komplizierten Fall mit Wolken müssen die Forscher noch gesondert modellieren.

Die Debatte hat gerade erst begonnen.

Meine Meinung dazu

Was ich aus dem Paper mitnehme: Die größte Gefahr für den Sternenhimmel schleicht sich vielleicht nicht als langsam wachsender Stadtdunst heran.

Sondern als Geschäftsmodell. „Licht auf Bestellung“ klingt harmlos.

Rechnet man die Physik durch, wird daraus ein Schalter, der über ganze Regionen die Nacht ausknipst.

Und ausgerechnet der Testsatellit heißt EARENDIL – nach der Figur, die bei Tolkien einen Stern an den Himmel trägt.

Hier würde er ihn löschen.

Wenn dich dieser Gedanke so packt wie mich – dass ausgerechnet eine Firma, die Licht verkauft, uns die Sterne nehmen könnte –, dann gib diesen Text an jemanden weiter, der noch weiß, wie ein echter, tiefschwarzer Nachthimmel aussieht.

Vielleicht wird der seltener, als wir denken.

Quelle: Miroslav Kocifaj (Slowakische Akademie der Wissenschaften / Comenius-Universität Bratislava), Gáspár Á. Bakos (Princeton University) & František Kundracik – Preprint, arXiv 2026; arXiv:2608.06433

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