Ein Physiker hat durchgerechnet, was die geplanten Weltraumspiegel mit unseren Augen anrichten würden. Das bloße Auge verkraftet den Anblick, ein Fernrohr nicht, und die Blendung könnte sogar Autofahrern gefährlich werden.
Wer einen der geplanten Weltraumspiegel durch ein Teleskop betrachtet, riskiert nach wenigen Sekunden bleibende Schäden an der Netzhaut.
Das überrascht, weil derselbe Spiegel mit bloßem Auge für die Netzhaut weitgehend harmlos bleibt, obwohl er fast so grell leuchtet wie die Sonne.
Zu diesem Ergebnis kommt der spanische Physiker Salvador Bará, der das Spiegellicht mit den internationalen Grenzwerten für Augensicherheit und Blendung verglichen hat.
Ein zweites Risiko betrifft alle, auch ohne Fernrohr, denn schon ein einzelner Spiegel am Nachthimmel würde laut seiner Rechnung weit stärker blenden, als es die Normen für Straßenbeleuchtung erlauben.
Sonnenlicht aus dem All für die Nacht
Die Idee, mit Spiegeln im All Sonnenlicht auf die Nachtseite der Erde zu lenken, ist alt. Russland hat schon vor Jahrzehnten einen Prototyp im Orbit entfaltet, doch lange blieb das Ganze eine Kuriosität.
Das hat sich geändert, seit die US-Regulierungsbehörde FCC der Firma Reflect Orbital erlaubt hat, einen Testspiegel in eine niedrige Umlaufbahn zu bringen.
Er soll nachts Sonnenlicht auf Felder, Baustellen oder Einsatzorte werfen. Langfristig plant die Firma Zehntausende solcher Reflektoren, jeder etwa halb so groß wie ein Fußballfeld.
Astronomen sorgen sich bisher vor allem um den Himmel, der durch das gestreute Licht heller würde. Eine andere Frage blieb weitgehend offen, nämlich was passiert, wenn jemand direkt in einen solchen Spiegel schaut.
Ausprobieren kann man das nicht, denn niemand wird freiwillig ins Spiegellicht starren, um es herauszufinden. Und die bestehenden Sicherheitsregeln wurden für Lampen, Laser und die Sonne geschrieben, nicht für einen gleißenden Punkt in mehreren hundert Kilometern Höhe.
Wie Salvador Bará die Gefahr berechnete
Salvador Bará war bis zu seinem Ruhestand Professor an der Universität Santiago de Compostela und hat sich lange mit Lichtverschmutzung beschäftigt.
Für seine Studie hat er kein Teleskop benutzt, sondern gerechnet. Er bestimmte, wie viel Sonnenlicht ein Spiegel in der geplanten Endgröße zum Boden schickt und wie viel davon die Luft unterwegs schluckt.
Dieses Licht verglich er mit den Grenzwerten einer internationalen Strahlenschutzkommission, die festlegen, wie lange das Auge helles Licht verträgt.
Für die Blendung zog er die europäische Norm für Straßenbeleuchtung heran. Die Arbeit ist als Preprint auf der Plattform Zenodo erschienen und wurde bislang nicht unabhängig begutachtet.
Warum der Vergleich mit der Sonne in die Irre führt
Auf den ersten Blick scheint die Sache klar. Pro Fläche leuchtet der Spiegel fast so hell wie die Sonnenscheibe, denn er reflektiert ja nur deren Licht.
Wer so rechnet, müsste den Anblick für ähnlich gefährlich halten wie einen Blick in die Sonne. Solche Überschlagsrechnungen „können leicht zu falschen Schlüssen führen“, warnt Bará in seiner Studie
Der Grund liegt in unserem unvollkommenen Auge. Es kann keinen Lichtpunkt scharf abbilden, sondern macht aus jedem Punkt ein kleines verwaschenes Scheibchen auf der Netzhaut.
Die Sonne ist viel größer als dieses Scheibchen, der Spiegel dagegen erscheint so winzig, dass er darin verschwindet. Sein Licht verteilt sich deshalb auf eine größere Fläche, als es seiner Größe entspricht, und jede einzelne Sehzelle bekommt weniger ab.
Zusätzlich zittert das Auge ständig ein wenig, sodass der Lichtfleck umherwandert. Am Ende liegt die Belastung durch energiereiches blaues Licht, das in den Sehzellen schädliche chemische Reaktionen auslöst, rund hundertfach unter dem Grenzwert.
Durchs Teleskop wird der Spiegel gefährlich
Mit einem Teleskop kippt dieses Bild. Das Instrument vergrößert den Spiegel so stark, dass sein Abbild über das verwaschene Scheibchen hinauswächst, und damit fällt der Schutz weg.
Auf der Netzhaut entsteht dann ein Lichtfleck, der fast so grell ist wie das Abbild der Sonne selbst. Für ein Amateurteleskop mittlerer Größe ergab Barás Rechnung, dass der Grenzwert für Blaulichtschäden nach etwa drei Sekunden erreicht ist.
Das ist so lange, wie man braucht, um „einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig“ zu zählen.
Für Kleinkinder, deren Augenlinse noch sehr viel kurzwelliges Licht durchlässt, schrumpft diese Zeit auf weniger als eine Sekunde. Das liegt nahe an der Reaktionszeit des Lidschlussreflexes, der uns sonst vor grellem Licht schützt.
Auch die Erwärmung der Netzhaut kommt im Teleskop in die Nähe der Grenzwerte. Beobachtungen einzelner Spiegel mit optischen Instrumenten bergen laut Bará daher „ein nicht zu vernachlässigendes Risiko“ für die Netzhaut. Das gilt allerdings nur für jemanden, der im beleuchteten Gebiet steht, einem Lichtkreis von wenigen Kilometern Durchmesser.
Blendung trifft auch Autofahrer
Die zweite Gefahr betrifft jeden, der nachts unterwegs ist. Licht, das im Auge gestreut wird, legt einen hellen Schleier über alles, ähnlich wie eine verschmutzte Windschutzscheibe im Gegenlicht.
Straßenlaternen dürfen nach der europäischen Norm höchstens 10 bis 15 Prozent mehr Kontrast erfordern, damit man ein Hindernis noch erkennt.
Ein einzelner Spiegel überschreitet diesen Wert in weiten Teilen des Himmels um ein Vielfaches. Die Blendung werde voraussichtlich „unannehmbar hoch“ sein und ein erhebliches Risiko bei Aufgaben darstellen, die sofortige Reaktion verlangen, „etwa beim Autofahren“, schreibt Bará.
Mehrere Spiegel gleichzeitig würden die Blendung addieren. Offen ist noch, wie stark die Lichtblitze ausfallen, wenn ein Spiegel sich zum nächsten Ziel dreht und sein Strahl dabei über die Landschaft wischt.
Dafür fehlen Angaben über Zahl, Verteilung und Drehgeschwindigkeit der Spiegel. Bará schlägt vor, künftig eine eigene Risikoeinstufung zu entwickeln, wie es sie für Lampen bereits gibt.
Meine Meinung dazu
Mich hat am meisten überrascht, dass ausgerechnet die Unschärfe unseres Auges uns schützt. Eine Schwäche, über die sich jeder Brillenträger ärgert, verteilt das Licht eines winzigen, extrem hellen Punktes so, dass es harmlos bleibt.
Das Teleskop hebt genau diesen Schutz auf, und das an einem Ort, an dem niemand mit Sonnenlicht rechnet. Wer nachts beobachtet, hat seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und erwartet höchstens den Mond.
Wenn du jemanden kennst, der nachts mit dem Teleskop den Himmel absucht, schick ihm diesen Text. Er sollte wissen, dass dort oben bald ein kleines Stück Sonne auftauchen könnte.
Quelle: Salvador Bará (Universidade de Santiago de Compostela, im Ruhestand), Preprint auf Zenodo, 2026 doi:10.5281/zenodo.22680934
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