Eine naive Hochrechnung sagt alle 26 Jahre einen Monster-Sonnensturm voraus. Ein neuer Blick auf ein halbes Jahrhundert Sonnendaten kommt auf einen ganz anderen Wert – und beruhigt, ohne zu verharmlosen.
Die stärksten Sonnenstürme – jene von der Wucht des legendären Carrington-Ereignisses – schlagen deutlich seltener zu, als eine gängige Faustformel nahelegt.
Das überrascht, denn genau diese Formel, ein simples Potenzgesetz, wird seit Jahrzehnten benutzt, um die Häufigkeit solcher Extreme abzuschätzen – und liegt am oberen Ende offenbar daneben.
Aufgedeckt hat das der Astrophysiker A.G.M. Pietrow vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam, indem er mehrere voneinander unabhängige Flare-Kataloge über mehrere Sonnenzyklen hinweg gegeneinander hielt.
Sein Ergebnis: Statt alle 26 Jahre trifft ein Ausbruch der Carrington-Klasse die Erde eher alle 370 Jahre – ein Wert, der gut zu anderen Schätzungen passt und darauf hindeutet, dass die Sonne am äußersten Rand ihres Repertoires Maß hält.
Die gefährlichsten Ausbrüche kommen aus den verknotetsten Flecken
Sonnenflecken sind nicht alle gleich.
Manche sind magnetisch simpel – ein sauberer Nord-, ein sauberer Südpol. Andere sind heillos verknotet, mit ineinander verschachtelten Feldern entgegengesetzter Polarität.
Seit fast einem Jahrhundert weiß man: Je verknoteter eine solche aktive Region, desto eher spuckt sie einen kräftigen Röntgenausbruch aus.
Pietrow konnte das nun über mehrere Zyklen hinweg beziffern.
Die magnetisch komplexen Regionen tauchen an rund 13 Prozent der Beobachtungstage auf – gut ein Achtel.
Aus dieser Minderheit stammt der Löwenanteil der stärksten Ausbrüche.
Die dicksten Brummer sitzen ganz überwiegend in den größten, wildesten Fleckengruppen.
Wie oft trifft uns ein echtes Monster?
Für die alltäglichen kleinen Ausbrüche ist die Statistik dicht und verlässlich.
Das eigentliche Rätsel beginnt am oberen Ende.
Wie häufig baut die Sonne einen echten Killer zusammen – einen Sturm von der Klasse jenes Ereignisses, das 1859 die Telegrafenleitungen zum Funkensprühen brachte?
Solche Giganten sind so selten, dass eine einzelne Messreihe kaum je einen erwischt.
Man behalf sich mit einem Trick: die bekannte Häufigkeit der kleinen Flares als gerade Linie einfach nach oben verlängern.
Nur – hält diese Linie wirklich bis ganz nach oben?
Genau das ließ sich lange nicht prüfen, weil dafür extrem lange Beobachtungsreihen nötig sind, gemessen mit mehr als einem Instrument.
Mehrere Datenschätze, damit keiner sich selbst bestätigt
Hier setzt Pietrow an.
Er verknüpfte die Röntgen-Flare-Meldungen des Wettersatelliten GOES mit den täglichen Steckbriefen der Sonnenregionen und spannte so einen Katalog über mehrere Jahrzehnte auf.
Dazu nahm er einen weiteren Katalog, der noch länger zurückreicht.
Und als echten Gegencheck die Flare-Liste des Instruments STIX an Bord der Sonnensonde Solar Orbiter – ein anderes Gerät, in einer anderen Umlaufbahn, das die Sonne aus einem völlig eigenen Blickwinkel vermisst.
Die Arbeit liegt bislang als Preprint auf dem Fachserver arXiv vor.
Anders als viele Preprints hat sie den Peer-Review aber offenbar schon durchlaufen: In der Danksagung dankt Pietrow einem anonymen Gutachter für dessen Rückmeldungen.
Die naheliegende Rechnung – und warum sie zerbricht
Zieht man die Linie der kleinen Flares stur weiter nach oben, spuckt sie eine unbequeme Zahl aus: ein Carrington-Sturm alle 26 Jahre.
Das klingt bedrohlich – und stimmt hinten und vorne nicht.
Denn seit 1859 hat die Erde keinen einzigen Treffer dieser Größe abbekommen.
Bei einer Wiederkehr alle 26 Jahre hätten es längst mehrere sein müssen.
Irgendwo steckt also ein Fehler in der geraden Linie.
Pietrow ging ihm nach und bestimmte die Steigung der Verteilung auf zweierlei Weise – einmal aus dem Verhältnis mittlerer zu riesigen Flares, einmal aus dem Verhältnis kleiner zu riesigen.
Wäre die Linie wirklich gerade, müssten beide Messungen denselben Wert liefern.
Sie taten es nicht.
Die Abweichung war viel zu groß, um Zufall zu sein. Am oberen Ende fehlten schlicht Ausbrüche.
Die Kurve knickt nach unten ab.
Nicht alle 26, sondern alle 370 Jahre
Rechnet man diese Abknickung mit ein, dreht sich das Bild.
Ein Sturm der Carrington-Klasse trifft die Erde dann nicht alle 26, sondern im Mittel erst alle 370 Jahre.
Das ist ein Abstand, in den ganze Epochen passen – die letzte Katastrophe dieser Wucht fiel ins Jahr 1859, als Telegrafisten Stromschläge kassierten und Polarlichter bis in die Tropen leuchteten.
Und die neue Zahl steht nicht allein da: Für die etwas kleineren Riesen deckt sich Pietrows Vorhersage mit dem, was in den Messreihen tatsächlich auftauchte.
In der Studie heißt es, Ereignisse wie Carrington seien „erheblich seltener, als ein starres Potenzgesetz vorhersagt“.
Was das für die nächste Katastrophe bedeutet
Beruhigend ist das nur auf den ersten Blick.
Ein Carrington-Ereignis über unserer heutigen, durchverkabelten Welt könnte Stromnetze überlasten, Transformatoren durchschmoren lassen, Satelliten stören und Funk wie Navigation lahmlegen.
Pietrows Befund macht diese Bedrohung nicht kleiner – er rückt nur die Häufigkeit zurecht, mit der man rechnen muss.
Und er stützt eine größere Vermutung.
Die Daten deuteten, schreibt Pietrow, auf „eine geringere Häufigkeit von Superflares und möglicherweise eine Obergrenze für die Stärke solarer Flares“ hin.
Die Sonne könnte also eine natürliche Schmerzgrenze haben, jenseits derer sie schlicht nicht feuert.
Der wirklich unabhängige Gegencheck steht noch aus
Ganz zu Ende ist die Geschichte nicht.
Ausgerechnet das unabhängige Instrument STIX zeigt das Abknicken der Kurve bisher nicht deutlich – seine Messreihe ist noch zu kurz und zu klein, um die seltensten Ausbrüche verlässlich zu zählen.
Je länger Solar Orbiter die Sonne im Blick behält, desto härter lässt sich prüfen, ob die Abknickung echt ist oder eine Eigenheit der älteren Kataloge.
Bis dahin gilt die vorsichtige Lesart: ein starkes Indiz, noch kein endgültiger Beweis.
Meine Meinung dazu
Mich hat an dieser Arbeit weniger die beruhigende Zahl gepackt als die Ehrlichkeit des Handwerks.
Pietrow verlässt sich nicht auf eine einzige Messung, sondern bestimmt dieselbe Steigung auf zwei Wegen – und lässt genau die Lücke zwischen beiden die Geschichte erzählen.
Da wird aus Daten Erkenntnis.
Gelernt habe ich vor allem eins: Die gefährlichste Stelle in der Physik ist selten die Messung selbst, sondern der Moment, in dem jemand eine Kurve über ihren belegten Bereich hinaus verlängert.
Genau dort lauert der Irrtum – und genau dort hat diese Studie ihn erwischt.
Falls dich das ähnlich umhaut wie mich, dass eine einzige, zu gerade gezogene Linie uns die Sonne jahrzehntelang gefährlicher gerechnet hat, als sie ist, dann gib diesen Text an jemanden weiter, der beim nächsten Sonnensturm-Alarm sonst gleich den Weltuntergang kommen sieht.
A.G.M. Pietrow (Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam), Preprint auf arXiv, 2026; arXiv:2608.04537





