Tabbys Stern: Der unsichtbare Riese hinter dem seltsamsten Flackern am Himmel

Thomas Schmidt

24. Juli 2026

Jahrelang war Tabbys Stern der rätselhafteste Fall der Astronomie – und der Liebling aller Alien-Theoretiker. Ein einzelner, verdächtig runder Schatten hat jetzt einen ganz anderen Verdächtigen verraten.

Ein Team der University of Warwick hat in den Daten des Weltraumteleskops TESS einen einzelnen, auffällig symmetrischen Helligkeitseinbruch von Tabbys Stern entdeckt – die Handschrift eines massereichen Begleiters an der Grenze zwischen Riesenplanet und Braunem Zwerg.

Das überrascht, weil dieser Stern seit seiner Entdeckung für das genaue Gegenteil bekannt ist: zerfranste, unregelmäßige Verdunklungen ohne jeden erkennbaren Rhythmus.

Aufgespürt haben die Forschenden das Objekt, indem sie die TESS-Messungen mit Spektren des SOPHIE-Instruments in Südfrankreich und eigenen Teleskopbeobachtungen rund um den Globus zusammenführten.

Falls sich der Begleiter bestätigt, wäre er der lange gesuchte Störenfried, der ganze Kometenschwärme auf den Stern zutreibt.

Der Stern, der einst als Alien-Baustelle galt

KIC 8462852 ist ein unauffälliger Stern im Sternbild Schwan – bis das Kepler-Teleskop ihn ins Visier nahm.

Seine Helligkeitskurve zeigte Einbrüche, die kein Lehrbuch vorsah: zeitweise verschwand fast ein Fünftel seines Lichts, mal für Stunden, mal für Wochen, in völlig unterschiedlichen Tiefen und ohne Wiederkehr.

Weil kein Planet so etwas erzeugt, tauchte prompt die Idee einer außerirdischen Megastruktur auf.

Messungen bei mehreren Wellenlängen räumten damit auf: Die Einbrüche fallen je nach Farbe unterschiedlich tief aus – das tut Staub, nicht Metall.

Als beste Erklärung gilt seither ein Schwarm von Exokometen, also Kometen um einen fremden Stern, die nahe am Stern zerbrechen und ihre Trümmerwolken vor ihm ausbreiten.

Kometen stürzen nicht von allein

Nur: Kometen legen sich ihre Bahnen nicht selbst zurecht.

Damit sie in solcher Zahl an den Stern herangetragen werden, braucht es einen schweren Körper, der sie gravitativ aus ihrer Ruhe reißt. Genau diesen Störenfried hatte nie jemand gesehen.

Für die direkte Abbildung stünde er viel zu dicht am Stern.

Und die klassische Methode, das Wackeln des Sterns im Spektrum zu messen, versagt hier fast: Tabbys Stern rotiert so schnell, dass seine Spektrallinien verschmieren und jede Messung im Rauschen zu ertrinken droht.

Ein Fund, nach dem niemand gesucht hatte

Cristina Madurga-Favieres und ihr Team – darunter P. A. Strøm und Thomas G. Wilson (Warwick), Neda Heidari (Institut d’astrophysique de Paris) und Flavien Kiefer (Observatoire de Paris) – durchforsteten sämtliche TESS-Sektoren des Sterns mit einer selbst entwickelten Photometrie-Pipeline.

Im September 2019 stießen sie auf einen bis dahin unbemerkten Einbruch: lang gezogen, flach, sauber U-förmig.

Dazu werteten sie Radialgeschwindigkeiten des SOPHIE-Spektrografen am Observatoire de Haute-Provence neu aus und beantragten frische Messzeit an den Kleinteleskopen des Las-Cumbres-Netzwerks.

Die Arbeit hat das Peer-Review durchlaufen und ist in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society erschienen.

Die naheliegende Erklärung zerbrach an einem Kometenschweif

Die erste Vermutung war die hausgemachte: wieder Kometen.

Ziehen mehrere kurz hintereinander vorbei, verschmelzen ihre asymmetrischen Signale zu einer glatten Kurve.

Also fütterte das Team zwei unabhängige Kometenmodelle mit allem, was ging – von einem einzelnen Körper bis zu zwanzig.

Die Anpassungen gelangen nur, wenn die Modelle den Kometenschweifen ein absurd träges Verhalten aufzwangen: Der langsamste je gemessene reale Exokomet, beobachtet um den Stern Beta Pictoris, verdunkelt mehr als doppelt so schnell wie der schnellste Komet, den die Anpassung zuließ. Physikalisch war das nicht zu haben.

Die Gegenprobe machte es endgültig: Dieselben Modelle beschrieben einen der symmetrischsten Kepler-Einbrüche mit einer Handvoll Kometen problemlos.

Das Werkzeug funktioniert also – es weigert sich nur bei diesem einen Schatten.

Dazu kam ein Messwert, mit dem niemand gerechnet hatte: Rund um den Einbruch wird der Stern erst heller, bevor er dunkler wird.

Möglicherweise streut Staub, der den Begleiter selbst umgibt, Licht nach vorn.

Ein Gasriese, kalt wie ein Wintermorgen

Aus der gemeinsamen Anpassung von Transit und Spektren ergibt sich ein Objekt, das größer ist als Jupiter und schwer genug, um an der Schwelle zum Braunen Zwerg zu kratzen – seine Dichte spricht aber klar für einen Gasplaneten.

Es umkreist den Stern in großem Abstand, weshalb es dort bitterkalt sein müsste: gut fünf Grad unter null, die Temperatur eines Wintermorgens.

Ein Haken bleibt. Das Massensignal erreicht nur 2,3 Sigma, also weniger als die übliche Nachweisschwelle.

„Wir können weder bestätigen noch ausschließen, dass das Signal von dem möglichen Begleiter stammt“, schreiben die Forschenden.

Warum der Fund über Tabbys Stern hinausreicht

„Um diesen bekannten Stern wurde noch nie ein Begleiter im Transit nachgewiesen“, heißt es in der Studie – und genau darin liege die Bedeutung, denn seine Existenz könnte die Komplexität des Systems erklären.

Praktisch wird es sofort: Das Team liefert eine Handvoll konkreter Zeitfenster, in denen der nächste Transit stattfinden müsste, das erste bereits im kommenden Herbst.

Die Astrometrie der nächsten Gaia-Datenveröffentlichung sollte das Objekt ohnehin verraten.

Und die überarbeitete Auswertung schneller Rotatoren öffnet eine Tür: Sterne, die für die Planetensuche bislang als hoffnungslos galten, werden messbar.

Wenn Sie jemanden kennen, der Tabbys Stern noch als Alien-Anekdote im Kopf hat – dieser Text ist die bessere Pointe.

Meine Meinung dazu

Mich hat weniger der Planet beeindruckt als die Gegenprobe.

Dass ein Modell scheitert, sagt wenig; dass dasselbe Modell nebenan mühelos funktioniert, sagt alles.

Genau dieser Handgriff verwandelt ein „passt nicht“ in ein Argument – und er kommt in Pressemitteilungen praktisch nie vor.

Gelernt habe ich außerdem, wie zäh sich ein Rätsel hält: Die vermutlich richtige, ziemlich gewöhnliche Antwort – ein großer Planet und ein aufgewirbelter Kometengürtel – brauchte ein Jahrzehnt, drei Teleskopgenerationen und ein Team, das ehrlich dazuschreibt, dass es noch nicht sicher ist.

Cristina Madurga-Favieres (University of Warwick), Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, 2026; https://arxiv.org/abs/2607.20643

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