Ein NASA-Teleskop hat um VY Canis Majoris eine gewaltige Hülle aufgespürt. Seitdem streichen Forschende eine Erklärung nach der anderen.
Um VY Canis Majoris, einen der größten Sterne der Milchstraße, hat das NASA-Weltraumteleskop SPHEREx eine riesige, fast kreisrunde Hülle entdeckt.
Rätselhaft ist sie, weil sie nur in einem schmalen Rotton leuchtet und bei einer langen Nachbeobachtung von der Erde aus unsichtbar blieb.
Ein internationales Team um Dipankar P. K. Banerjee hat die Aufnahmen mit Spektren und Bildern von Teleskopen auf mehreren Kontinenten überprüft und dabei fast jede naheliegende Erklärung ausgeschlossen.
Am ehesten, so die vorsichtige Vermutung, bringt das Licht heißer Nachbarsterne Staub in der Hülle zum Leuchten, doch auch diese Deutung hat Lücken.
Ein Stern, der bis über die Jupiterbahn reichen würde
VY Canis Majoris steht im Sternbild Großer Hund und gehört zu den Hyperriesen, den aufgeblähtesten Sternen, die man kennt. Säße er an der Stelle der Sonne, würde seine Oberfläche über die Umlaufbahn des Jupiter hinausreichen.
Der alternde Stern stößt seit Langem große Mengen Gas und Staub aus, die ihn teilweise verhüllen. In seiner direkten Umgebung haben Astronomen deshalb ein Gewirr aus Klumpen, Bögen und Fäden kartiert, das bei Ausbrüchen im Laufe des letzten Jahrtausends entstanden ist.
Außerdem liegt der Stern am Rand von Sharpless 2-310, einer Region, in der neue Sterne entstehen und mehrere sehr heiße junge Sterne leuchten.
Warum bisher niemand weit genug um den Stern herum schaute
Fast alle bisherigen Beobachtungen beschränkten sich auf einen winzigen Himmelsausschnitt direkt um den Stern. Große Teleskope sind darauf gebaut, kleine Flecken sehr scharf abzubilden, weshalb ihr Blickfeld meist eng ist.
Was weiter draußen geschieht, wo der Sternwind (ein stetiger Gasstrom, den der Stern ins All bläst) auf das Gas der Nachbarregion trifft, blieb deshalb weitgehend unerforscht.
Offen war, ob der Riese seine Umgebung auch in großem Abstand sichtbar geprägt hat.
Wie ein kleines Weltraumteleskop die Hülle fand
Die Antwort kam von einem Instrument, das gar nicht gezielt nach VY Canis Majoris gesucht hat.
SPHEREx ist ein NASA-Teleskop mit einer Öffnung kaum größer als ein Essteller, das den gesamten Himmel in vielen fein abgestuften Farben fotografiert.
Auf seinen Aufnahmen vom vergangenen Herbst entdeckte das Team um Dipankar P. K. Banerjee vom Physical Research Laboratory im indischen Ahmedabad einen fast kreisrunden Ring um den Stern.
Vermutlich handelt es sich um eine Kugelschale, die von der Erde aus wie ein Ring erscheint, weil der Blick an ihrem Rand durch besonders viel Material geht.
Anschließend zerlegten Spektrografen in Indien, die Licht in seine Farben aufspalten und so die Spuren einzelner Elemente verraten, das Licht der Hülle.
Weitere Bilder lieferten Teleskope in Australien, auf La Palma und in Chile.
Die Studie liegt bislang als Preprint vor; laut Danksagung hat sie bereits eine fachliche Begutachtung durchlaufen, ein Journal nennt die Fassung aber noch nicht.
Wie das Team eine Erklärung nach der anderen verwarf
Zuerst prüfte die Gruppe den banalsten Verdacht, einen Bildfehler.
Doch der Ring tauchte auch auf einer zweiten Aufnahme gut einen Monat später auf, und keiner der anderen hellen Sterne im Bildfeld zeigte etwas Ähnliches. Danach lag Rubidium nahe, ein Metall, das Licht genau in jenem Rotton schluckt und wieder abgibt, in dem die Hülle leuchtet. Die Spektren zeigten davon jedoch keine Spur.
Um sicherzugehen, dass die Spektren nicht einfach zu schwach waren, ließ das Team in diesem Frühjahr eine Kamera mit passendem Farbfilter in Chile insgesamt 44 Stunden lang Licht sammeln.
Auf dem Bild fehlt die Hülle, obwohl darauf sogar Sterne zu erkennen sind, die schwächer leuchten als ihre hellsten Fäden.
Ein Lichtecho hätte dieses Verschwinden erklären können, also der verspätete Widerschein eines früheren Helligkeitsausbruchs auf umliegendem Staub, der mit der Zeit verblasst.
Tatsächlich hatten einige Fäden zwischen den beiden SPHEREx-Aufnahmen Form und Helligkeit verändert. Ein Lichtecho braucht aber einen kräftigen Lichtblitz als Auslöser, und die Helligkeitsaufzeichnungen des Sterns aus mehr als einem Jahrhundert zeigen keinen.
Was als Erklärung übrig bleibt
Auch ein Lichthof, wie ihn Eiskristalle um den Mond erzeugen, schied aus, weil er in allen Farben erscheinen müsste und nicht nur in einem schmalen Rotbereich.
An dieser Stelle zitieren die Forschenden Sherlock Holmes: „Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das Übrige die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich es auch ist.“
Übrig bleibt für sie ein Effekt namens erweitertes rotes Leuchten. Dabei schlucken winzige Staubkörner energiereiches ultraviolettes Licht und geben die Energie als rotes Licht wieder ab, ähnlich wie Textmarkerfarbe unter Schwarzlicht aufleuchtet.
Die nötige Strahlung könnten die heißen jungen Sterne der Nachbarregion liefern, und die Hülle hätte reichlich Fläche dafür, denn sie misst rund 17 Lichtjahre im Durchmesser, etwa das Viermalige der Strecke von der Sonne zu unserem nächsten Nachbarstern.
Warum die Forschenden selbst noch zögern
Das Team beschreibt die Hülle als Struktur „auf einer weitaus größeren Skala als alles, was bisher gesehen wurde“ rund um den Stern.
Ihr mögliches Szenario ist, dass der Sternwind von VY Canis Majoris das Gas der Nachbarregion nach außen gedrängt und am Rand eines Hohlraums aufgetürmt hat.
Die Fäden, die die Hülle durchziehen, wären dann Stellen, an denen der dichte Wind in das dünnere Gas hineindrückt.
Allerdings fehlt die Hülle ausgerechnet in einem Farbkanal, der zwischen den beiden leuchtenden Kanälen liegt, und das kann das rote Leuchten nicht erklären.
„Keine Deutung ist frei von Schwierigkeiten, und weitere Beobachtungen sind höchst wünschenswert“, schreiben die Autoren und fordern tiefere Bilder und Spektren mit größeren Teleskopen.
Meine Meinung dazu
Mich beeindruckt an dieser Studie weniger die Entdeckung als die Ehrlichkeit, mit der das Team am Ende ohne Antwort dasteht. Man sieht hier sehr deutlich, wie Forschung tatsächlich funktioniert, denn jede Hypothese wird an einem konkreten Messwert geprüft und fällt, sobald er nicht passt.
Gelernt habe ich außerdem, dass ein kleines Durchmusterungsteleskop etwas finden kann, das großen Instrumenten entgeht, weil es schlicht weiter um den Stern herum blickt.
Der Widerspruch zwischen dem Bild aus dem All und dem leeren Bild aus Chile lässt mich nicht los.
Wenn du jemanden kennst, der glaubt, am Himmel sei längst alles vermessen, dann zeig ihm diesen Ring um einen der größten Sterne der Milchstraße, den bisher niemand erklären kann.
Quelle: Dipankar P. K. Banerjee (Physical Research Laboratory, Ahmedabad), arXiv:2609.18895 , 2026
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