Little Red Dots enttarnt: Schwarze Löcher, die in ihrer eigenen Geburtswolke stecken

Thomas Schmidt

14. September 2026

Die roten Punkte aus dem frühen Universum senden kaum Röntgenlicht aus. Neue Simulationen zeigen, wer es verschluckt.

Ein internationales Team um den Astrophysiker Daniel J. Whalen hat im Computer nachgebaut, was hinter den rätselhaften Little Red Dots stecken könnte, und landet bei einer überraschend unspektakulären Antwort.

Die winzigen roten Flecken, die das James-Webb-Teleskop im frühen Universum inzwischen zu Hunderten findet, wären demnach junge Schwarze Löcher, die noch vollständig in der Gasscheibe stecken, aus der sie entstanden sind.

Weil dieses Gas so dicht ist, kommt die Röntgenstrahlung des Lochs gar nicht erst heraus, und genau das erklärt, warum die Objekte hell leuchten und im Röntgenbereich trotzdem fast stumm bleiben.

Für diese Erklärung brauchte das Team keine exotischen Himmelskörper, die noch nie jemand beobachtet hat.

Hunderte rote Punkte, die in keine Schublade passen

Als das James-Webb-Teleskop anfing, in die Jugendzeit des Universums zu blicken, tauchten in den Aufnahmen immer wieder winzige, tiefrote Flecken auf.

Sie sind extrem kompakt, deutlich kleiner als eine gewöhnliche Galaxie, und sie leuchten kräftig. Ihr Licht verhält sich dabei eigenartig zweigeteilt, denn im kurzwelligen, blauen Bereich sind sie vergleichsweise unauffällig, während sie im langwelligen, roten Bereich regelrecht glühen.

Trägt man die Helligkeit über die Wellenlänge auf, ergibt das eine V-Form, die zum Markenzeichen dieser Objekte geworden ist.

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Warum die bekannten Erklärungen nicht passten

Die naheliegendste Deutung war Staub, der das Licht alter Sterne rötet. Sie hielt nicht, weil die Spektren zusätzlich zeigen, dass dichtes Wasserstoffgas unmittelbar vor der Lichtquelle sitzt und ihr bestimmte Farben aus dem Strahl schneidet.

Also schlugen andere Gruppen sogenannte supermassereiche Sterne vor, Gasbälle mit hunderttausendfacher Sonnenmasse. Doch solche Sterne leben nur ein bis zwei Millionen Jahre.

Das ist viel zu kurz, um die vielen Hundert Objekte zu erklären, die wir heute gleichzeitig sehen.

Ein weiterer Vorschlag, ein Stern mit einem Schwarzen Loch im Inneren, hat ein anderes Problem, denn ein solches Gebilde ist bisher in keiner einzigen Simulation der Sternentwicklung tatsächlich entstanden.

Wie das Team die roten Punkte im Rechner nachbaute

Whalen vom Institute of Cosmology and Gravitation der Universität Portsmouth und Muhammad A. Latif von der United Arab Emirates University verfolgten deshalb eine andere Spur.

Sie rechneten mit einem Programm, das Gas, Schwerkraft und Strahlung gleichzeitig verfolgt, den Moment durch, in dem eine urzeitliche Gaswolke als Ganzes in sich zusammenstürzt und direkt ein Schwarzes Loch bildet, ohne den Umweg über einen explodierenden Stern.

Aus Dichte und Temperatur des Gases um dieses Loch berechneten sie anschließend, welches Licht ein Teleskop davon sehen würde, und addierten das Licht der Sterne dazu, die sich in derselben Galaxie gebildet haben.

Die Studie ist bei den Fachzeitschriften der American Astronomical Society eingereicht, bislang aber nur als Preprint öffentlich und damit noch nicht unabhängig begutachtet.

Der Test, ob die Röntgenstrahlung durchkommt

Der wunde Punkt dieser Idee lag von Anfang an offen. Ein Schwarzes Loch, das so viel Gas verschlingt, müsste im Röntgenlicht auffallen, und genau das tun die Little Red Dots nicht.

Das Team baute den Test deshalb so, dass er möglichst scheitern sollte. Es drehte die Leuchtkraft des Lochs um das Vierzigfache hoch, auf den Wert eines schon deutlich gewachsenen Schwarzen Lochs am oberen Limit dessen, was es überhaupt verschlingen kann und wählte zusätzlich ausgerechnet jene Röntgenenergie, die am weitesten durch Gas kommt.

Trotzdem blieb die Strahlung im Zentrum der Scheibe gefangen. Das eingeschlossene Gas heizt sich dabei auf Temperaturen auf, gegen die die Sonnenoberfläche kühl wirkt, und kommt dennoch nicht ins Freie, weil von außen ununterbrochen neues Material nachstürzt und die heiße Blase zurückdrückt.

Ein verhülltes Schwarzes Loch neben einem dichten Sternhaufen

Gleichzeitig entsteht in der Simulation um das Loch herum ein Sternhaufen, der es in sich hat. Rund hundert Millionen Sonnenmassen an Sternen drängen sich dort auf einem Raum von etwa fünfhundert Lichtjahren, während in einer gleich großen Kugel um unsere Sonne nur einige tausend Sterne stehen.

Das Schwarze Loch sitzt dabei nicht exakt im Zentrum dieses Haufens, sondern leicht daneben, und denselben kleinen Versatz zeigen Aufnahmen echter Little Red Dots, die durch eine Gravitationslinse vergrößert wurden.

Die Modellspektren passen auf sehr unterschiedliche Vertreter der Objektklasse, von einem typischen bis hin zum bislang fernsten bekannten. Little Red Dots seien, schreibt das Team, „schlicht Galaxien mit direkt kollabierten Schwarzen Löchern“.

Was das für die Suche nach den ersten Schwarzen Löchern heißt

Die Deutung liefert nebenbei eine Erklärung dafür, warum die roten Punkte in der kosmischen Nachbarschaft verschwinden.

Wächst das Schwarze Loch weiter, bricht seine Röntgenstrahlung irgendwann doch aus der Scheibe aus, und mit ihr endet das charakteristische Spektrum.

Das Team betont, dass seine Erklärung „ohne Zuflucht zu exotischen oder hypothetischen Objekten“ auskommt, und leitet daraus eine konkrete Suchanweisung ab, denn auch deutlich kleinere und lichtschwächere Vorläufer müssten dieselben Merkmale zeigen.

Künftige Radioteleskope wie das Square Kilometre Array könnten diese Objekte zusätzlich aufspüren.

Falls dich der Gedanke ebenso packt wie mich, dass ein einzelner roter Punkt auf einem Teleskopbild ein Schwarzes Loch sein könnte, das noch in seiner Geburtswolke steckt, dann gib diesen Artikel weiter.

Meine Meinung dazu

Was mich an dieser Arbeit überzeugt, ist nicht das Ergebnis, sondern die Konstruktion des Tests.

Die Forschenden haben ihr eigenes Modell mit Absicht in die ungünstigste Lage gebracht, mit maximaler Leuchtkraft und der durchdringendsten Strahlung, und es hat gehalten.

Gleichzeitig bleibe ich vorsichtig, denn die Rechnung besteht aus zwei getrennten Teilen, die zusammengesetzt wurden, und die simulierten Objekte entstehen früher, als die beobachteten Little Red Dots existieren.

Dass die Erklärung ohne erfundene Himmelskörper auskommt, spricht für sie.

Daniel J. Whalen (Institute of Cosmology and Gravitation, University of Portsmouth), eingereicht bei den AAS Journals, 2026; arXiv:2609.12049

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