Die verborgene Dunkle Galaxie, in der womöglich nie ein Stern aufgeleuchtet hat

Thomas Schmidt

25. September 2026

Chinas Riesenteleskop FAST hat mit J1351+0039 eine einsame Wasserstoffwolke aufgespürt, die fast nur aus unsichtbarer Masse besteht und in der bislang kein Stern zu finden ist.

Astronomen haben eine einsame Wasserstoffwolke entdeckt, in der sich kein Stern nachweisen lässt und deren Gesamtmasse rund 200-mal so groß ist wie die ihres Gases.

J1351+0039 ist damit ein starker Kandidat für eine Dunkle Galaxie, also einen Klumpen Dunkler Materie, der Gas eingesammelt, aber nie Sterne gebildet hat.

Das Standardmodell der Kosmologie sagt solche Objekte voraus, doch die bisherigen Kandidaten lagen nahe großer Galaxien und könnten auch Trümmer sein.

Aufgespürt hat das Team die Wolke mit dem chinesischen Radioteleskop FAST, während tiefe Himmelsaufnahmen an derselben Stelle kein Sternenlicht zeigen. Ob sie wirklich ganz ohne Sterne ist, sollen nun Weltraumteleskope klären.

Wie in kleinen Mulden aus Dunkler Materie Wolken ohne Sterne entstehen

Nach dem Standardmodell der Kosmologie entstanden zuerst Klumpen aus Dunkler Materie, jener unsichtbaren Masse, die sich nur über ihre Schwerkraft verrät.

In diese Schwerkraftmulden floss Gas, verdichtete sich und bildete Sterne. Bei den kleinsten Mulden sollte das scheitern, weil die ultraviolette Strahlung aller Sterne und Galaxien dünnes Gas ständig aufheizt und warmes Gas nach außen drückt.

Reicht die Schwerkraft nicht, um dagegenzuhalten, verdichtet sich das Gas nie genug für Sterne, und übrig bleibt eine Wolke, die nie leuchtet.

Aufspüren lassen sich solche Dunklen Galaxien nur über ihren Wasserstoff, der ein schwaches Radiosignal aussendet.

Nicht jede Wolke ohne erkennbare Sterne ist aber eine, denn manche sind Zwerggalaxien mit sehr lichtschwachen Sternen, andere Gasfetzen, die große Galaxien verloren haben.

Die bekanntesten Kandidaten, darunter eine Wolke namens Cloud-9, liegen nahe großer Spiralgalaxien, deren Schwerkraft an ihnen zerrt, sodass sie auch Trümmer sein könnten.

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Wie das Team die einsame Wolke fand

Ein Team um Erstautor Jin-Long Xu von den Nationalen Astronomischen Observatorien der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking und Alejandro Benítez-Llambay von der Universität Mailand-Bicocca hat nun eine Wolke untersucht, die keinen großen Nachbarn hat.

Aufgefallen war sie bei einer Himmelsdurchmusterung mit dem chinesischen Riesen-Radioteleskop FAST, das den Himmel nach dem Radiosignal von Wasserstoff abtastet.

Anschließend vermaßen die Forschenden sie mehrfach gezielt und suchten in Aufnahmen des DESI Legacy Survey, einer Himmelskartierung für extrem lichtschwache Objekte, nach Sternen.

Die Studie ist für die Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics verfasst, liegt aber bislang als Preprint auf arXiv vor, dessen unabhängige Begutachtung nicht erkennbar abgeschlossen ist.

Welche Erklärungen das Team verwerfen musste

Funkstörungen von der Erde schloss das Team aus, weil die Wolke bei Beobachtungen zu verschiedenen Zeitpunkten immer an derselben Stelle auftauchte.

Für eine Gaswolke aus unserer Milchstraße entfernt sie sich zu schnell von uns und ist zu gleichmäßig geformt.

Ihre Geschwindigkeit zeigt vielmehr, dass sie mit der Ausdehnung des Universums mitschwimmt und weit jenseits unserer galaktischen Nachbarschaft liegt. Auch Gasschweife, die auf Trümmer hindeuten würden, fand das Team dort nicht.

Blieb die Frage, was die Wolke zusammenhält.

Ihre eigene Schwerkraft schafft das nicht, denn dafür ist das Gas zu dünn und zu warm.

Nach der Rechnung des Teams würde es ohne zusätzlichen Halt innerhalb von rund 240 Millionen Jahren auseinanderdriften, für kosmische Verhältnisse ein kurzer Moment.

Die Radiokarten zeigen aber eine kompakte, fast kugelrunde Wolke ohne Anzeichen von Auflösung, und so etwas bleibt nur bestehen, wenn eine unsichtbare Masse das Gas festhält.

Ein Messwert passte allerdings nicht ins erwartete Bild. Laut Simulationen sollten sich solche Wolken kaum drehen, doch auf einer Seite von J1351+0039 entfernt sich das Gas etwas schneller von uns als auf der anderen, ein Hinweis auf schwache Rotation.

Das Team vermutet, dass die Wolke mit der Zeit etwas Schwung aufgenommen hat, hält die Drehung aber für zu schwach, um sie zu tragen. Vor allem schwirrt das Gas ungeordnet durcheinander, wie Mücken in einem Schwarm, die kreuz und quer fliegen, statt zu kreisen.

Wie viel unsichtbare Masse in der Wolke steckt

Aus der Größe der Wolke und dem Tempo, mit dem ihr Gas durcheinanderschwirrt, lässt sich die nötige Masse berechnen, denn je schneller sich die Teilchen bewegen, desto stärker muss die Schwerkraft sein, die sie hält.

Heraus kommt eine Gesamtmasse, die rund 200-mal so groß ist wie die des Gases, das FAST sieht.

Im Alltag hieße das, dass eine Kilotüte Mehl so viel wiegt wie ein Klavier. „J1351+0039 wird überwältigend von Dunkler Materie dominiert“, schreiben die Forschenden.

Auch die Temperatur des Gases passt zu einer Wolke, die die ultraviolette Strahlung aus dem All warm hält, sodass sie nie genug abkühlen konnte, um Sterne zu bilden. Ganz ausschließen lassen sich Sterne trotzdem nicht.

Eine winzige Zwerggalaxie wie Leo T aus unserer kosmischen Nachbarschaft bliebe in dieser Entfernung in den DESI-Aufnahmen ebenfalls unsichtbar.

Warum die Einsamkeit der Wolke für die Forschung zählt

Weil keine fremde Schwerkraft an der Wolke zerrt, verfälscht auch nichts die Messung ihrer Dunklen Materie.

„Die vollständige Isolation von J1351+0039 macht sie zum saubersten und überzeugendsten isolierten Kandidaten für eine Dunkle Galaxie, der bis heute identifiziert wurde“, schreiben Xu und seine Kollegen.

Sie sehen darin „ein einzigartiges Labor, um gewöhnliche und Dunkle Materie in Abwesenheit von Sternentstehung zu untersuchen“. Ob die Wolke wirklich sternlos ist, sollen nun Hubble oder James Webb klären, die einzelne Sterne erkennen könnten.

Meine Meinung dazu

Eine Galaxie, die sich über das definiert, was ihr fehlt, ist ein seltsamer Forschungsgegenstand, und gerade deshalb beeindruckt mich, wie das Team aus der Unruhe des Gases eine Masse erschließt, die niemand je gesehen hat.

Auffällig ist allerdings, dass die Kurzfassung der Studie J1351+0039 noch als einen der vielversprechendsten Kandidaten bezeichnet, während das Fazit vom saubersten Kandidaten bis heute spricht. Bis Hubble oder Webb hingeschaut haben, halte ich die vorsichtigere Lesart für die ehrlichere.

Trotzdem verändert so ein Fund den Blick nach oben. Zwischen den leuchtenden Galaxien könnten Mulden liegen, in denen nie ein Stern aufgeleuchtet hat und die man nur findet, wenn man auf das leise Radiosignal ihres Wasserstoffs horcht.

Wenn du jemanden kennst, der glaubt, am Nachthimmel sei alles zu sehen, was es gibt, erzähl ihm von dieser einsamen Wolke.

Quelle: Jin-Long Xu (Nationale Astronomische Observatorien der Chinesischen Akademie der Wissenschaften), Astronomy & Astrophysics, 2026; arXiv:2609.29852

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