Der Treffpunkt ohne Verabredung: Am Gegenpunkt der Sonne lauscht ein Teleskop nach Aliens

Thomas Schmidt

7. Oktober 2026

Eine Idee aus der Spieltheorie sagt voraus, wann und wo Außerirdische uns anfunken könnten. Am Gegenpunkt der Sonne hat die größte Suche des Allen Telescope Array jetzt 25 Signale aufgespürt, die eine zweite Prüfung verdienen.

Forscherinnen des SETI Institute suchen nach Funksignalen Außerirdischer an einer Stelle, auf die sich beide Seiten ohne jede Absprache einigen könnten, nämlich am Gegenpunkt der Sonne.

Die Idee stammt aus der Spieltheorie, denn wer von dort auf unser Sonnensystem blickt, sieht einmal im Jahr die Erde vor der Sonne vorbeiziehen und könnte genau dann ein Signal schicken, wenn auch wir in seine Richtung schauen.

Mit dem Allen Telescope Array in Kalifornien hat das Team bislang einen kleinen Teil dieser Himmelsregion abgehört und aus fast 170 Millionen Treffern 25 Signale herausgefiltert, die nur aus der anvisierten Richtung zu kommen scheinen.

Eine Entdeckung ist das noch nicht, und die betreffenden Himmelspositionen werden jetzt ein zweites Mal beobachtet.

Wie man sich ohne Absprache verabredet

Wer nach Außerirdischen sucht, hat ein Platzproblem, denn der Himmel ist riesig und die Zahl möglicher Funkfrequenzen ebenfalls.

Fachleute sprechen deshalb vom kosmischen Heuhaufen.

Zufällig abgestrahlter Funkverkehr wäre über große Entfernungen kaum zu messen, weshalb die Suche nach außerirdischer Intelligenz (kurz SETI) vor allem auf Leuchtfeuer setzt, also auf Signale, die eine fremde Zivilisation absichtlich in eine bestimmte Richtung schickt.

Offen bleibt, wohin sie zielen würde und wann.

Weiter hilft ein Gedanke des Ökonomen Thomas Schelling, der sogenannte Schelling-Punkt.

Gemeint ist eine Lösung, auf die zwei Menschen ohne Absprache kommen, weil sie ihnen beiden naheliegend erscheint.

Schelling fragte einst, wo man sich in New York mit einem Fremden treffen würde, ohne sich verabredet zu haben, und viele nannten die Grand Central Station zur Mittagszeit.

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Wo die Erde für fremde Beobachter sichtbar wird

Bewohnbare Planeten finden Astronomen heute meist mit der Transitmethode.

Sie messen, wie das Licht eines Sterns kurz schwächer wird, wenn ein Planet vor ihm vorbeizieht.

Eine fremde Zivilisation mit ähnlicher Technik könnte die Erde auf diese Weise nur entdecken, wenn sie ungefähr auf Höhe der Bahn lebt, auf der die Erde um die Sonne kreist.

Von dort aus sähe sie unseren Planeten einmal im Jahr vor der Sonne entlangziehen.

In dem Moment, in dem die Erde für sie mitten vor der Sonne steht, liegen Sender, Erde und Sonne auf einer Linie.

Von uns aus gesehen steht der Sender dann genau gegenüber der Sonne am Nachthimmel, am sogenannten Anti-Sonnenpunkt.

Vorausgesetzt, die Absender rechnen die Reisezeit ihres Signals mit ein, wären das ein Ort und ein Zeitpunkt, auf die beide Seiten unabhängig voneinander kommen könnten.

Die Idee steht seit Jahrzehnten in der Fachliteratur, blieb aber lange Theorie, weil der Aufwand enorm ist.

Der Gegenpunkt wandert im Lauf eines Jahres einmal ganz um den Himmel, und ein Teleskop am Boden erreicht ihn nur nachts.

Wer jede mögliche Position erfassen will, muss ihm deshalb über mehrere Jahre hinweg Nacht für Nacht folgen.

Wie das Allen Telescope Array den Gegenpunkt abhört

Isabel A. Gerrard von Breakthrough Listen an der Universität Oxford und vom SETI Institute hat die Auswertung gemeinsam mit Sofia Z. Sheikh vom SETI Institute und vom Berkeley SETI Research Center vorgelegt.

Die Daten stammen vom Allen Telescope Array in Nordkalifornien, einem Feld aus Antennenschüsseln, das eigens für die Suche nach außerirdischen Funksignalen gebaut wurde.

Die zusammengeschalteten Schüsseln lauschen gleichzeitig in zwei Richtungen, einmal genau auf den Gegenpunkt und einmal knapp daneben.

Ein echtes Signal aus großer Ferne sollte nur in der ersten Richtung deutlich auftauchen, während irdischer Funk meist in beiden zu hören ist.

Außerdem muss das Signal auf einer einzigen, scharf begrenzten Frequenz liegen, so wie ein Radiosender, während natürliche Quellen im All über einen breiten Bereich rauschen.

Zudem muss seine Frequenz langsam wandern, denn die Erde dreht sich und bewegt sich dabei ständig auf einen fernen Sender zu oder von ihm weg, was dessen Ton leicht verschiebt.

Ein Störsender auf der Erde dreht sich dagegen mit uns mit, sodass seine Frequenz fast stillsteht.

Die Studie ist Anfang Oktober als Vorabveröffentlichung (Preprint) erschienen und wurde noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

Das Konzept der Kampagne hat ein Fachjournal dagegen bereits zur Veröffentlichung angenommen.

Wie aus Millionen Treffern 25 Kandidaten wurden

In den bisher ausgewerteten Nächten meldete die Software fast 170 Millionen Treffer, also Stellen in den Daten, die zu einem künstlichen Signal passen könnten.

Den Großteil strich das Team, indem es Frequenzbereiche ausblendete, in denen sich irdische Störungen häufen, und indem es die beiden Blickrichtungen miteinander verglich.

Übrig blieben Tausende Bilder, die Gerrard von Hand durchgesehen und sortiert hat.

Dabei zeigte sich, dass die Filter nicht reichten.

Auf den meisten Bildern tauchten waagerechte Linien und an- und abschwellende Signale auf, also Störmuster irdischer Herkunft.

Oft fiel ein verseuchter Frequenzbereich erst auf, nachdem das Team die fertigen Bilder gesehen hatte, und erst dann wurde die Ausschlussliste nachgebessert.

Die Kampagne lernte also unterwegs dazu, wodurch frühe und späte Nächte allerdings mit unterschiedlichen Filtern ausgewertet wurden.

Die Autorinnen weisen selbst darauf hin, dass das den Vergleich über die Zeit deutlich erschwert.

Was die 25 Kandidaten aussagen

Am Ende blieben 25 Signale, die alle Kriterien erfüllen, also schmalbandig sind, in der Frequenz wandern und nur in Richtung des Gegenpunkts deutlich auftauchen.

Mehr als die Hälfte von ihnen stammt jedoch aus einer einzigen Beobachtung und liegt fast auf derselben Frequenz, sodass hier womöglich ein und dieselbe Quelle mehrfach erfasst wurde.

Die Autorinnen nennen die Funde nüchtern „Signale von Interesse“ und lassen alle betreffenden Positionen erneut beobachten.

Erst die Wiederholung kann zeigen, ob ein Signal tatsächlich an seinen Ort am Himmel gebunden ist.

Die gesamte Durchmusterung soll über mehrere Jahre laufen und am Ende mehr als elf Petabyte an Daten liefern, so viel, dass man es als Film in HD-Qualität jahrhundertelang ununterbrochen anschauen könnte.

Damit ist sie die größte Kampagne in der Geschichte des Allen Telescope Array.

„Obwohl die SETI-Literatur seit Langem vorschlägt, am Anti-Sonnenpunkt nach Leuchtfeuern zu suchen, liefert diese Kampagne die erste Beobachtungsabdeckung“, schreiben Gerrard und Sheikh in ihrer Studie.

Im Fazit ordnen sie den Ansatz grundsätzlicher ein, denn Schelling-Punkte aus der Spieltheorie einzubeziehen zeige „den Wert fachübergreifender Ansätze in erkundenden Wissenschaften wie SETI und bei der Suche im riesigen kosmischen Heuhaufen“.

Nebenbei entsteht ein großer Katalog von Hand sortierter Funkbilder, mit dem sich künftig Programme trainieren lassen, die irdische Störungen selbstständig erkennen.

Als Nächstes will das Team ein komplettes Beobachtungsjahr mit einheitlichen Filtern neu auswerten.

Meine Meinung

Mich reizt an dieser Studie weniger die Zahl der Kandidaten als der Gedanke, mit dem sie beginnt.

Statt blind den Himmel abzusuchen, fragen die Forscherinnen, was wir selbst an Stelle der anderen täten, und machen daraus eine Koordinate am Nachthimmel.

Das ist eine Wette, die ins Leere laufen kann, wenn fremde Zivilisationen ganz anders denken als wir.

Jede Suche braucht aber einen Ausgangspunkt, und dieser hat den Vorzug, dass er sich begründen lässt.

Ebenso gefällt mir, wie offen das Paper mit seinen Schwächen umgeht, mit nachgebesserten Filtern, verlorenen Nächten und Kandidaten, die sich verdächtig auf eine einzige Beobachtung ballen.

Gerade das macht die Arbeit glaubwürdiger als jede vollmundige Meldung über rätselhafte Signale aus dem All.

Und dann bleibt dieses Bild, dass das kaum messbare Flackern, das unser Planet einmal im Jahr vor der Sonne erzeugt, für jemanden in der Ferne wie eine Einladung wirken könnte.

Frag doch heute Abend jemanden, wo er sich in einer fremden Stadt ohne Absprache mit dir treffen würde, und schick ihm danach diesen Artikel.

Quelle: Isabel A. Gerrard (Breakthrough Listen, University of Oxford / SETI Institute), 2026; ArXiv:2610.07065

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