Der Mond als heimlicher Bildhauer: Wie sein Rückzug die erste Kruste der Erde verformte

Thomas Schmidt

22. September 2026

Als der junge Mond davonzog, bremste er die rasend schnelle Erde ab. Eine neue Modellrechnung zeigt, wie dabei ihre erste Kruste am Äquator zusammengeschoben und an den Polen auseinandergezogen worden sein könnte.

Kurz nach seiner Entstehung hat der Mond die Kruste der jungen Erde womöglich über Jahrmillionen geknetet, indem er sie am Äquator zusammenschob und an den Polen auseinanderzog.

Das ist bemerkenswert, weil die Forschung diesen Antrieb für frühe Krustenbewegungen bislang vernachlässigt hat, obwohl er sich direkt aus der Entstehung des Mondes ergibt.

Der Geophysiker Simon Lock von der University of Bristol hat mit Computermodellen berechnet, wie sich die anfangs stark abgeplattete Erde allmählich rundete, während der Mond sich entfernte und ihre Drehung bremste.

Die Folgen könnten erklären, warum es auf der Erde schon sehr früh ganz unterschiedliche Gesteinsarten gab.

Die junge Erde drehte sich rasend schnell

Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass der Mond aus den Trümmern einer gewaltigen Kollision entstand, bei der ein planetengroßer Körper die junge Erde traf.

Dieser Zusammenstoß versetzte die Erde in eine enorme Drehung, sodass ein Tag vermutlich weniger als fünf Stunden dauerte.

Der frisch geborene Mond kreiste damals viel näher um die Erde als heute. Seitdem wirken die Gezeiten wie eine Bremse, denn die Flutberge, die der Mond auf der Erde anhebt, zerren an ihrer Drehung und übertragen diesen Schwung auf den Mond, der dadurch langsam nach außen wandert.

Was in dieser frühesten Phase auf der Erdoberfläche geschah, ist trotzdem weitgehend unbekannt.

Fast alle Gesteine aus jener Zeit haben Erosion und spätere Gebirgsbildung längst zerstört. Die wenigen Hinweise stammen vor allem aus winzigen Zirkonkristallen, die älter sind als jedes erhaltene Gestein.

Modelle für die erste Kruste haben dabei stets angenommen, dass Schwerkraft und Druck auf der jungen Erde so waren wie heute. Die schnelle Drehung blieb außen vor, auch weil Rechenwerkzeuge fehlten, die mit einem stark verformten Planeten umgehen können.

Wie Simon Lock die abgeplattete Urerde nachrechnete

Simon Lock, Geophysiker an der School of Earth Sciences der University of Bristol und früher am California Institute of Technology, hat diese Lücke mit zwei Werkzeugen angegangen.

Das erste ist ein von ihm entwickeltes Computerprogramm, das berechnet, welche Form ein Planet annimmt, wenn er sich unterschiedlich schnell dreht.

Das zweite sind Modelle, die nachzeichnen, wie schnell sich der Mond entfernte und die Erde dabei abbremste. Lock kombinierte beides und verfolgte, wie sich jede Stelle der Erdoberfläche während dieses Prozesses streckte oder stauchte.

Seine Studie ist als Preprint erschienen und bei der Fachzeitschrift „JGR: Solid Earth“ eingereicht, sie wurde also noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

Die Bremskraft spielte kaum eine Rolle

Bei einer solchen Rechnung liegt eine Sorge nahe. Das Ergebnis könnte vollständig von einer Größe abhängen, die niemand genau kennt, nämlich davon, wie stark die junge Erde die Energie der Gezeiten in Wärme umwandelte.

Diese Bremswirkung hängt davon ab, wie flüssig oder fest das Erdinnere war, und sie dürfte sich stark verändert haben, als der Magmaozean (die nach dem Einschlag geschmolzene Oberfläche) erstarrte.

Lock variierte sie deshalb über eine riesige Spanne. Das Tempo, mit dem sich die Kruste verformte, änderte sich dabei aber höchstens um den Faktor zwei.

Lock selbst nennt das ein „etwas überraschendes Ergebnis“.

Bremst die Erde schwächer, entfernt sich der Mond langsamer, und die Erde verliert ihren Schwung gemächlicher. Dafür dreht sie sich länger schnell, und ein schnell rotierender Planet reagiert auf jedes bisschen Abbremsen mit einer stärkeren Formänderung.

Beide Effekte heben sich weitgehend auf. Offen bleibt dagegen, ob die erste Kruste früh genug fest wurde, um das Kneten überhaupt mitzuerleben.

Lock hält das für wahrscheinlich, weil die meisten Modelle die Oberfläche innerhalb weniger Millionen Jahre erstarren lassen, räumt aber ein, dass sich die zeitliche Abfolge erst mit aufwendigeren Modellen sicher klären lässt.

Am Äquator gestaucht, an den Polen gedehnt

Weil die schnelle Drehung am Äquator nach außen zog, war die Schwerkraft dort spürbar schwächer.

Das Gestein darunter stand deshalb unter geringerem Druck, blieb bis in größere Tiefe teilweise geschmolzen und lieferte mehr Schmelze, die nach oben stieg und erstarrte.

Die erste Kruste war am Äquator daher dicker als an den Polen, in den extremsten Szenarien bis zu zehnmal so dick. Als die Erde später langsamer wurde, sank der Wulst am Äquator allmählich ein, und der Planet wurde runder.

Am Äquator stand der Kruste dadurch immer weniger Fläche zur Verfügung, sodass sie zusammengeschoben wurde, während sie in höheren Breiten mehr Platz bekam und auseinandergezogen wurde.

Schon im zurückhaltendsten Szenario schob sich die Kruste am Äquator in den ersten Jahrmillionen schneller zusammen als an manchen heutigen Plattengrenzen, an denen eine Platte unter die andere taucht.

In Szenarien, in denen Erde und Mond anfangs besonders viel Schwung besaßen, kam es zeitweise zu Schüben im Tempo jener Knautschzone, in der sich Indien heute gegen Asien schiebt und den Himalaya auftürmt.

„Anders als im Himalaya würde die Verformung auf der frühen Erde in diesem Tempo jedoch rund um den gesamten Äquator stattfinden“, schreibt Lock. Das entspricht einer Strecke von heute rund 40.000 Kilometern statt eines einzelnen Gebirgszugs.

Was das für die ersten Gesteine bedeuten könnte

Wo die Kruste zusammengeschoben wurde, konnte sie Material von der Oberfläche in die Tiefe drücken, das zuvor mit Wasser und der kohlenstoffreichen Uratmosphäre in Kontakt gekommen war.

Wasser senkt den Schmelzpunkt von Gestein, weshalb dieses Material in der Tiefe teilweise aufschmelzen konnte.

Aus solchen Schmelzen entstehen hellere, leichtere Gesteine, die dem Granit heutiger Kontinente ähneln, und genau auf solche Gesteine deuten die uralten Zirkone schon für die Frühzeit hin.

An den gedehnten Polen könnten zugleich Vulkane Gase aus dem Erdinneren freigesetzt haben, während Verwitterung Kohlenstoff aus der dichten Uratmosphäre im Gestein band und die Erde lebensfreundlicher machte.

„Künftige Arbeiten zu dieser frühesten Phase der Erdentwicklung müssen den Einfluss der Rotation auf die Dynamik und Geochemie der Erde berücksichtigen“, schreibt Lock.

Dafür braucht es Computermodelle, die gleichzeitig verfolgen, wie die Erde abkühlt, wie der Mond wandert und wie sich die Form des Planeten verändert. Lock hofft, dass sich damit sogar prüfen lässt, welches Szenario der Mondentstehung tatsächlich zutrifft.

Meine Meinung

Mich hat an dieser Studie vor allem überrascht, wie naheliegend der Gedanke ist, sobald man ihn einmal gehört hat. Dass der Mond die Erde bremst, steht in jedem Schulbuch, und dass eine schnell rotierende Kugel sich abplattet, weiß jeder, der einmal Pizzateig durch die Luft wirbeln sah.

Trotzdem hat offenbar niemand durchgerechnet, was beides zusammen für die allererste Kruste bedeutet. Wichtig finde ich aber auch die Grenzen, denn Lock arbeitet bewusst mit vereinfachten Modellen und nennt selbst die großen Unsicherheiten.

Beobachtet hat diese Verformung niemand, sie ist eine gut begründete Möglichkeit, die erst noch weitere Studien bestätigen müssen.

Wenn du das nächste Mal am Meer stehst und das Wasser zurückweichen siehst, denk daran, dass dieselbe Kraft, die heute die Erde nur noch ganz leise abbremst, einst eine ganze Planetenkruste geknetet hat, und erzähl es vielleicht dem Menschen, der neben dir steht.

Quelle: Simon J. Lock (University of Bristol), eingereicht bei JGR: Solid Earth, 2026, arxiv:2609.22474

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