Ablaufdatum für die Dunkle Energie? Warum das Universum irgendwann aufhören könnte zu beschleunigen

Thomas Schmidt

14. Oktober 2026

Eine neue Datenanalyse legt nahe, dass die Dunkle Energie schon vor rund fünf Milliarden Jahren am dichtesten war und das All auf ein ruhiges Gleichgewicht zusteuert.

Die Dunkle Energie, die das Universum seit Jahrmilliarden immer schneller auseinandertreibt, könnte ihre Wirkung nur vorübergehend entfalten.

Das widerspricht dem Standardbild, nach dem diese rätselhafte Größe unveränderlich ist und das All für immer beschleunigt.

Der Physiker Gianmassimo Tasinato von der Swansea University hat dafür aktuelle Vermessungen von Galaxien, explodierenden Sternen und dem Nachglühen des Urknalls mit einem neuen, sehr sparsamen Modell ausgewertet.

Danach strebt das Mischungsverhältnis von Dunkler Energie und Materie einem festen Wert zu, und sobald es erreicht ist, dehnt sich das Universum zwar weiter aus, aber nicht mehr immer schneller.

Was über die Dunkle Energie bekannt ist und was offen bleibt

Seit Langem wissen Astronomen, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.

Den Antrieb nennen sie Dunkle Energie, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt.

Im Standardmodell ist sie eine Art feste Grundspannung des leeren Raums, die sich nie verändert, die sogenannte kosmologische Konstante.

Dann aber hätte die Beschleunigung kein Ende, und die Materie würde im Vergleich zur Dunklen Energie immer weiter verdünnen, ohne dass sich je ein Gleichgewicht einstellt.

Für Theoretiker, die Quantenphysik und Schwerkraft in einer gemeinsamen Theorie vereinen wollen, ist ein solches ewig beschleunigendes Universum seit Jahren ein Ärgernis.

Neue Messungen des Dark Energy Spectroscopic Instrument (DESI), das von Arizona aus die Positionen unzähliger Galaxien kartiert, deuten nun darauf hin, dass sich die Dunkle Energie mit der Zeit verändert.

Die gängige Formel, mit der Forschende diesen Wandel beschreiben, passt gut zum beobachteten Zeitraum.

Sie enthält aber keinen physikalischen Grund, warum die Entwicklung irgendwo enden sollte, und sagt deshalb nichts darüber, wohin das Universum steuert.

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Wie Gianmassimo Tasinato das Problem angeht

Gianmassimo Tasinato, theoretischer Physiker an der Swansea University in Wales und der Universität Bologna, setzt an einer anderen Stelle an.

Statt die Dunkle Energie für sich zu betrachten, verfolgt er ihr Mischungsverhältnis mit der Materie.

Seine Grundannahme ist, dass sich dieses Verhältnis einem festen Endwert nähert, ähnlich wie heißer Tee, der langsam auf Zimmertemperatur abkühlt.

Der Abstand zum Ziel schrumpft dabei in jedem gleich langen Abschnitt der kosmischen Ausdehnung um denselben Bruchteil, und ein einziger Regler legt fest, wie schnell das geht.

Diesen Regler hat Tasinato mit öffentlich verfügbaren Daten vermessen.

Dazu gehören die DESI-Messungen eines Musters in der Galaxienverteilung, das aus dem frühen Universum stammt und wie ein kosmischer Maßstab funktioniert.

Hinzu kommen Daten des Satelliten Planck, der das Nachglühen des Urknalls kartiert hat, sowie drei verschiedene Kataloge explodierender Sterne, deren Helligkeit ihre Entfernung verrät.

Die Studie ist bislang ein Preprint, also noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

Was erst die explodierenden Sterne klären konnten

Mit den Galaxien- und Planck-Daten allein kam Tasinato nicht weit.

Sie ließen offen, ob die Dunkle Energie heute nur leicht vom Standardbild abweicht und sich dafür schnell wandelt oder ob sie stärker abweicht und sich langsam verändert, denn beide Varianten erzeugten fast dieselbe Ausdehnungsgeschichte.

Erst die Sternexplosionen, die das jüngere Universum besonders dicht abtasten, schnitten quer durch diese Mehrdeutigkeit und engten den Regler deutlich ein.

Unbequemer fiel ein zweiter Test aus, den Tasinato selbst durchführte.

Er prüfte, ob sein Bild auch die winzigen Verdichtungen im All beschreiben kann, aus denen später Galaxien wachsen.

In der Nähe des Gleichgewichts funktioniert das gut, doch für die frühere Vergangenheit beweist er, dass die einfachste Version seines Modells versagt, weil sich kleine Störungen dann unkontrolliert aufschaukeln würden.

Der Verlauf passt also zu den Daten, die Physik dahinter ist aber noch unvollständig, und genau so schreibt es der Autor auch selbst.

Wann die Dunkle Energie am dichtesten war

In allen getesteten Datenkombinationen bevorzugen die Messungen eine Dunkle Energie, die sich verändert, gegenüber einer mit gleichbleibenden Eigenschaften.

Die Stärke dieses Hinweises liegt je nach Sternkatalog bei bis zu 3,6 Sigma, einem Maß dafür, wie unwahrscheinlich es wäre, dass das Muster nur durch Zufall entsteht.

Das ist ein deutlicher Hinweis, aber noch klar unter der Schwelle, ab der Physiker von einer Entdeckung sprechen.

Aus den besten Anpassungen ergibt sich eine bemerkenswerte Geschichte.

Die Dichte der Dunklen Energie, also wie viel davon in einem bestimmten Raumvolumen steckt, wuchs lange Zeit und erreichte ihren Höhepunkt vor rund fünf Milliarden Jahren, kurz bevor sich unser Sonnensystem bildete.

Seitdem nimmt sie ab.

Ihr Anteil gegenüber der Materie wächst trotzdem weiter, weil sich die Materie bei der Ausdehnung des Alls noch schneller verdünnt.

„Die Botschaft der Beobachtungen ist dennoch einfach und physikalisch klar“, schreibt Tasinato.

Gemeint ist, dass eine Variante seines Modells mit fest vorgegebenem Tempo die Daten genauso gut beschreibt wie die gängige Formel, obwohl sie mit einem Stellrad weniger auskommt.

Was das Modell für die ferne Zukunft vorhersagt

Hat das Mischungsverhältnis sein Ziel erreicht, verdünnen sich Materie und Dunkle Energie im gleichen Takt, und die Dunkle Energie verliert die Eigenschaft, die das All immer schneller auseinandertreibt.

„Der vorhergesagte Übergang ist ein Ende der Beschleunigung, nicht ein Ende der Expansion“, betont Tasinato.

Das Universum wächst also weiter, nur immer gemächlicher, und ein finales Zerreißen der Materie bleibt aus.

In der Variante mit festem Tempo endet die Beschleunigung in rund 50 Milliarden Jahren, während die Vorhersagen mit frei einstellbarem Regler weit auseinanderliegen.

Tasinato stellt ausdrücklich klar, dass diese Zukunft eine Hochrechnung ist und keine Messung.

Im Standardbild entfernen sich ferne Galaxien irgendwann so schnell, dass Licht, das sie ab einem bestimmten Moment aussenden, uns niemals erreichen wird.

In Tasinatos Zukunft fehlt dieser endgültige Horizont, sodass Licht aus jeder Ecke des Alls uns im Prinzip irgendwann erreichen könnte, wenn auch erst nach unvorstellbar langer Zeit.

Nebenbei entschärft der Ansatz die alte Frage, warum wir ausgerechnet in der Epoche leben, in der Materie und Dunkle Energie ähnlich viel ausmachen, denn bei ihm liegt unsere Gegenwart nicht weit hinter dem Höhepunkt der Dunklen Energie statt an einem beliebigen Punkt einer endlosen Strecke.

Ob der Regler wirklich zu jeder Zeit gleich steht, lässt sich direkt prüfen.

„Der Nulltest ist also derzeit bestanden, aber noch nicht anspruchsvoll“, schreibt Tasinato.

Kommende DESI-Datensätze und neue Kataloge von Sternexplosionen sollen ihn deutlich verschärfen, und Theoretiker müssen eine Physik finden, die das Modell auch in der fernen Vergangenheit stabil hält.

Meine Einschätzung

Die ewige Beschleunigung galt lange als ausgemachte Sache, obwohl sie streng genommen nur die einfachste denkbare Annahme war.

Tasinatos Arbeit zeigt, wie viel Zukunft in einem einzigen Regler stecken kann, und zugleich, wie wenig davon die Daten bisher wirklich festlegen.

Dass er im selben Paper nachweist, wo sein eigenes Modell an seine Grenzen stößt, macht die Arbeit eher glaubwürdiger.

Ob die Dunkle Energie tatsächlich vor fünf Milliarden Jahren am dichtesten war, werden erst die nächsten Messrunden zeigen.

Schon die Möglichkeit verändert aber den Blick nach oben, denn der Sternenhimmel über uns wäre dann einer, dessen kosmischer Antrieb seinen Höhepunkt bereits hinter sich hat.

Wenn du beim nächsten klaren Abend jemandem erzählen willst, dass das Universum seinen stärksten Schub womöglich erlebte, kurz bevor die Erde entstand, schick ihm diesen Artikel.

Quelle: Gianmassimo Tasinato (Swansea University), arXiv, 2026; ArXiv:2610.13739

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