Kaum zu glauben: Asteroid 491384 ist so groß wie ein Berg und dreht sich in vier Minuten

Thomas Schmidt

7. Oktober 2026

Eigentlich müsste ein Brocken wie 491384 bei diesem Tempo zerfliegen. Neue Daten des Rubin-Observatoriums enthüllen den größten bekannten Asteroiden, der sich so schnell um sich selbst dreht.

Ein Team um den Astronomen Dmitrii Vavilov hat in Daten des neuen Rubin-Observatoriums den Asteroiden 491384 aufgespürt, der geschätzt 2,5 Kilometer misst und sich trotzdem in gut vier Minuten einmal um sich selbst dreht.

Das ist erstaunlich, weil Asteroiden dieser Größe meist als lose Schutthaufen gelten, die bei einem solchen Tempo auseinanderfliegen müssten.

Gefunden hat das Team den Brocken mit einer Rechenmethode, die für jeden Asteroiden einzeln entscheidet, wie fein seine Helligkeitsschwankungen ausgewertet werden müssen und wie verlässlich das Ergebnis ist.

Damit ist 491384 der größte bislang bekannte Asteroid mit einer so kurzen Drehzeit, und in seinem Inneren muss das Material deutlich fester zusammenhalten als in einem Kieshaufen.

Warum große Asteroiden eigentlich nicht so schnell rotieren dürften

Kaum ein Asteroid ist rund, die meisten sehen eher aus wie eine Kartoffel.

Dreht sich ein solcher Brocken, zeigt er der Sonne mal seine breite und mal seine schmale Seite, und deshalb schwankt das Licht, das er zu uns zurückwirft, in einem festen Rhythmus.

Astronominnen und Astronomen zeichnen diese Schwankung als Lichtkurve auf, also als Verlauf der Helligkeit über die Zeit, und lesen daraus ab, wie schnell sich der Körper dreht.

Auf diese Weise kennt man heute die Drehzeiten von Zehntausenden Asteroiden, und sie zeigen ein auffälliges Muster.

Sobald ein Asteroid größer ist als ein Hochhaus, dreht er sich fast nie schneller als einmal in gut zwei Stunden.

Die gängige Erklärung lautet, dass solche Körper lose Haufen aus Geröll sind, die allein ihre eigene, sehr schwache Schwerkraft zusammenhält.

Dreht sich ein solcher Schutthaufen zu schnell, schleudert ihn die Fliehkraft auseinander, so wie ein zu schnell drehendes Karussell lose Gegenstände von seiner Plattform wirft.

Ein Asteroid, der diese Grenze trotzdem überschreitet und dabei heil bleibt, braucht deshalb eine Art Kitt im Inneren, und genau solche Ausnahmen verraten, wie fest Asteroiden tatsächlich gebaut sein können.

Die Suche nach ihnen ist allerdings mühsam, denn große Himmelsdurchmusterungen fotografieren jeden einzelnen Asteroiden nur ab und zu statt ununterbrochen.

Zu solchen verstreuten Momentaufnahmen passen oft mehrere falsche Rhythmen fast genauso gut wie der richtige.

Bei einer früheren Auswertung von Rubin-Daten mussten Forschende deshalb jede Lichtkurve mit eigenen Augen prüfen, was bei den Millionen Asteroiden, die das Observatorium in den kommenden Jahren erfassen wird, schlicht nicht machbar ist.

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Wie das Team die Drehzeiten automatisch prüft

Dmitrii Vavilov vom DiRAC-Institut der University of Washington hat deshalb gemeinsam mit Siegfried Eggl von der University of Illinois und Sarah Greenstreet vom Rubin-Observatorium eine Auswertung entwickelt, die diese Prüfung selbst übernimmt.

Als Datenquelle diente die zweite Datenvorschau des Vera C. Rubin Observatory in Chile, eines Teleskops, das mit einer riesigen Digitalkamera immer wieder den Südhimmel fotografiert.

Ergänzt hat das Team diese Aufnahmen um weitere Rubin-Messungen aus einem öffentlichen Archiv.

Der Kern der Methode ist eine Kurve, die das Programm durch die verstreuten Messpunkte legt und die je nach Asteroid mehr oder weniger Höhen und Tiefen pro Umdrehung haben darf.

Statistische Tests entscheiden dabei, wie viel Detail die Daten tatsächlich hergeben, und sie geben für jede konkurrierende Drehzeit an, wie wahrscheinlich sie im Vergleich zur gewählten Lösung ist.

Die Studie ist bislang als Preprint auf dem Server arXiv erschienen und wurde noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

Wie aus Hunderten Verdachtsfällen eine Handvoll wurde

Ohne jede Prüfung schienen sich fast 900 Asteroiden in den Daten ähnlich rasant zu drehen wie 491384.

Die meisten dieser Treffer waren Trugbilder, die durch die lückenhaften Aufnahmen, durch Vielfache der echten Drehzeit oder schlicht durch Messrauschen entstanden.

Nachdem die Auswertung jede Lösung auf Lücken in der Lichtkurve und auf gleichwertige Alternativen abgeklopft hatte, blieben ganze fünf übrig.

Bei 491384 zeigte sich außerdem, wie leicht der Rekordhalter hätte durchrutschen können.

Die einfachste Auswertung legt nur eine glatte Welle an die Messpunkte und folgt einer Faustregel, nach der ein länglicher Brocken pro Umdrehung zweimal hell aufleuchtet, nämlich jedes Mal, wenn er seine breite Seite zeigt.

Mit dieser Faustregel kam für 491384 eine doppelt so lange Drehzeit heraus.

Erst ein feineres Modell, das mehr Struktur in der Lichtkurve zulässt, passte wirklich zu den Messpunkten und lieferte die echte, halb so lange Umdrehung.

Ein bergroßer Brocken mit festem Zusammenhalt

491384 dreht sich in gut vier Minuten einmal um sich selbst, und das bei einem geschätzten Durchmesser von etwa 2,5 Kilometern.

Weil der Brocken etwas länglich ist, misst seine längste Achse ungefähr so viel, wie die Zugspitze hoch ist.

Die Größe beruht auf einer Schätzung, denn das Teleskop sieht nur die Helligkeit, und ein dunkler Körper muss größer sein als ein heller, um gleich viel Licht zurückzuwerfen.

Die Farben des Lichts verraten aber, dass 491384 zu den dunklen, kohlenstoffreichen Asteroiden gehört, und damit lässt sich seine Größe gut eingrenzen.

Ein zweiter Asteroid aus der Stichprobe, 566130, ist kaum kleiner und dreht sich nur wenig langsamer.

Ein loser Schutthaufen dieser Größe würde bei einem solchen Tempo zerfallen, und deshalb muss das Material beider Brocken etwa so fest zusammenhalten wie leicht verkitteter Gesteinsschutt.

„Keiner der beiden Körper könnte eine so schnelle Drehung ohne erheblichen inneren Zusammenhalt überstehen“, schreibt das Team in seinem Fachartikel.

Was die Methode für die Flut der Rubin-Daten bedeutet

Für die Forschenden zeigt der Fund vor allem, warum sich die aufwendigere Auswertung lohnt.

Eine einfache Standardanalyse „hätte genau die Art von Objekt übersehen, für deren Suche diese Studie gedacht ist“, heißt es in der Arbeit.

Das wiegt umso schwerer, weil Rubin seit diesem Jahr den Himmel planmäßig durchmustert und im kommenden Jahrzehnt Lichtkurven von Millionen Asteroiden liefern wird.

Nebenbei stellt das Team eine Liste einzelner Rubin-Aufnahmen bereit, in denen gleich mehrere Asteroiden auffällig falsche Messwerte zeigen, damit andere Forschende diese Bilder mit Vorsicht behandeln können.

Endgültig bestätigt sind die Rekord-Drehzeiten allerdings noch nicht, denn die Autoren empfehlen selbst, beide Brocken gezielt nachzubeobachten und ihre Drehzeiten unabhängig zu überprüfen.

Meine Einschätzung

An dieser Arbeit fasziniert mich, dass der Rekord aus der Weigerung entstanden ist, die erste und einfachste Antwort zu akzeptieren, obwohl die Rohdaten für alle dieselben waren.

Dazu passt eine kleine Geschichte, die sich ganz am Ende des Fachartikels in der Danksagung versteckt.

Dmitrii Vavilov dankt dort seiner Frau Elizaveta Vavilova, deren Idee, gezielt nach Asteroiden mit Drehzeiten von wenigen Minuten zu suchen, das Team überhaupt erst dazu brachte, den vielfach höheren Rechenaufwand dafür in Kauf zu nehmen.

Ohne diese Anregung, schreibt er, hätten sie die ultraschnellen Dreher nicht gefunden.

Mir gefällt auch, wie offen die Autoren mit den Grenzen ihres Ergebnisses umgehen, von der geschätzten Größe bis zur ausdrücklichen Bitte um Nachbeobachtung.

Bevor man 491384 als sicheren Rekordhalter feiert, sollte man diese Bestätigung abwarten, doch schon jetzt zeigt der Brocken, dass manche Asteroiden weit fester gebaut sind, als es das Bild vom losen Schutthaufen nahelegt.

Wenn du morgen früh ein weiches Frühstücksei kochst, denk an einen Berg, der sich in derselben Zeit einmal komplett um sich selbst dreht, und schick diesen Text an jemanden, der gern mit dir staunt.

Quelle: Dmitrii E. Vavilov (University of Washington), 2026; ArXiv:2610.07584

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