Zu Unrecht aussortiert: KOI-1623 versteckt womöglich einen Riesenplaneten in der Lebenszone

Thomas Schmidt

16. September 2026

Keplers Prüfsoftware hielt das Signal von KOI-1623 für eine Täuschung, weil ein unsichtbarer Nachbarstern die Messung verzerrte. Im Archiv des Weltraumteleskops könnten noch Dutzende solcher übersehenen Planeten liegen.

Im Dreifachsternsystem KOI-1623 kreist womöglich ein Gasriese von der Größe Jupiters, und zwar in der Lebenszone eines kühlen, orangefarbenen Sterns.

Das überrascht, weil die NASA-Mission Kepler genau dieses Signal einst als Fehlalarm aussortiert hatte.

Ihre Prüfsoftware konnte nicht erkennen, dass an dieser Stelle zwei Sterne dicht beieinanderstehen. Ein Team um Rita Lanxuan Wang von der University of Hawaii hat den Fall neu aufgerollt, mit Daten des Vermessungssatelliten Gaia, gestochen scharfen Aufnahmen des Keck-Teleskops und einer Neuauswertung der Kepler-Rohbilder.

Nach Schätzung der Forschenden könnten im Kepler-Archiv noch rund 70 weitere echte Planeten zu Unrecht als Fehlalarm gelten.

Wie Keplers Prüfsoftware Signale aussortierte

Das Weltraumteleskop Kepler hat jahrelang dasselbe Himmelsfeld beobachtet und nach winzigen Helligkeitseinbrüchen gesucht.

Ein solcher Einbruch entsteht, wenn ein Planet von uns aus gesehen vor seinem Stern vorbeizieht und einen kleinen Teil des Lichts abdeckt.

Auch andere Vorgänge lassen Sterne kurz dunkler werden, etwa zwei Sterne im Hintergrund, die sich gegenseitig verdecken. Deshalb prüft eine Software jedes Signal auf Täuschungen.

Eine dieser Prüfungen beobachtet den Lichtschwerpunkt, also die Stelle, an der das Sternenlicht auf dem Kamerachip im Mittel ankommt.

Wandert dieser Punkt während der Verdunklung zur Seite, schließt die Software auf einen anderen Stern in der Nähe und sortiert das Signal aus.

Diese Logik setzt allerdings voraus, dass an der Position des Zielsterns nur ein einziger Stern steht.

Stehen zwei Sterne so eng beieinander, dass Kepler sie als einen Lichtpunkt sieht, geht die Prüfung schief.

Man kann sich zwei Taschenlampen vorstellen, die aus der Ferne wie eine wirken. Dimmt jemand kurz die schwächere, rückt der gemeinsame Lichtfleck ein Stück zur helleren hin, obwohl keine fremde Lampe beteiligt ist.

Ob hinter solchen Fehlalarmen echte Planeten stecken, war lange kaum zu klären, weil Keplers Kamera so enge Sternpaare nicht trennen kann.

Wie das Team das System neu vermaß

Rita Lanxuan Wang vom Institute for Astronomy der University of Hawaii hat mit Kolleginnen und Kollegen aus Austin, Edinburgh, Pasadena und Notre Dame zunächst die Sternpositionen für den gesamten Kepler-Katalog neu berechnet.

Dafür nutzten sie den europäischen Satelliten Gaia, der Sternpositionen weit genauer bestimmt als die älteren Bodenkataloge, auf denen Keplers Prüfung beruhte.

Dabei fiel ihnen KOI-1623 auf, ein aussortierter Kandidat mit einem auffallend sauberen Signal. Die Studie liegt bislang als Preprint vor und wurde also noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

Am Keck-Teleskop auf Hawaii arbeitet eine Kamera, deren Optik das Flimmern der Luft laufend ausgleicht.

Mit ihr löste das Team den vermeintlich einzelnen Stern in zwei Sterne auf. Frühere Keck-Aufnahmen hatten den Begleiter bereits gezeigt, an der Einstufung im Katalog änderte das jedoch nichts.

Gaia fand weiter außen einen dritten, sehr lichtschwachen Stern, der gemeinsam mit den beiden anderen über den Himmel zieht und deshalb zum System gehört.

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Welcher Stern das Signal verursacht

Der hellere Hauptstern ähnelt der Sonne, ist aber schon etwas gealtert und aufgebläht. Sein Begleiter ist kleiner, kühler und deutlich kompakter.

Aus Dauer und Form einer Verdunklung lässt sich grob ablesen, wie dicht der Stern ist, vor dem ein Planet vorbeizieht.

Dieser Test hätte die Frage eigentlich entscheiden müssen. Zwei Rechenmodelle, die unterschiedliche Annahmen über die Form der Planetenbahn treffen, neigten jedoch zu verschiedenen Sternen, und das Ergebnis passte am Ende zu beiden.

Deshalb gingen die Forschenden zurück zu den einzelnen Bildpunkten der Kepler-Kamera. Sie zogen Aufnahmen während der Verdunklung von Aufnahmen davor ab, sodass nur die Stelle übrig blieb, an der Licht fehlte.

Dieses Muster verglichen sie mit Simulationen für jeden Stern im Bildausschnitt. Es passte klar am besten zum Begleiter, dem die statistische Gewichtung näherungsweise mehr als 99,9 Prozent zuspricht.

Damit kippte auch die Deutung des ursprünglichen Warnsignals. „Die Verschiebung spricht nicht gegen einen vorbeiziehenden Planeten, sondern spiegelt wider, dass das System ein Doppelstern ist“, schreibt das Team im Preprint.

Ein Gasriese in der Lebenszone eines kühlen Sterns

Weil der Begleiter nur einen kleinen Teil des gemeinsamen Lichts liefert, muss der Planet einen großen Teil dieses schwachen Sterns abdecken, damit der Einbruch so tief ausfällt wie gemessen.

Die Rechnung ergibt etwa den zehnfachen Erddurchmesser und damit ungefähr die Größe Jupiters.

Vor dem hellen Hauptstern hätte derselbe Einbruch nur zu einem neptungroßen Planeten gepasst. Für eine Runde um seinen Stern braucht der Riese 111 Tage.

Da sein Stern viel kühler ist als die Sonne, liegt diese Bahn in der großzügig gefassten Lebenszone, also in dem Abstandsbereich, in dem flüssiges Wasser auf einer Oberfläche möglich wäre.

Ein Gasriese hat selbst keine feste Oberfläche, und um so kleine Sterne sind solche Riesen ohnehin selten. Die Autoren verweisen auf frühere Studien zu möglicherweise lebensfreundlichen Monden großer Planeten.

Ob dieser Planet solche Monde besitzt, müsse erst untersucht werden. Vorsichtig bleiben sie auch beim Objekt selbst, denn ohne Masse ließe es sich nicht von einem Braunen Zwerg unterscheiden, einem Körper, der zu schwer für einen Planeten und zu leicht für einen Stern ist.

„Wir beanspruchen daher keine formelle Bestätigung als Planet“, heißt es im Paper.

Der Fall reicht über KOI-1623 hinaus.

„Die Analyse legt nahe, dass Planeten in der Kepler-Stichprobe fälschlich als Fehlalarm eingestuft wurden“, schreiben die Forschenden.

Mit einer noch unveröffentlichten Liste von Doppelsternen schätzen sie, dass rund 70 aussortierte Signale in zusammengehörigen Sternpaaren liegen und deshalb eher echte Planeten sein könnten, auch wenn sich manche doch als Täuschung erweisen dürften.

Weil keine bisherige Statistik diese Fälle berücksichtigt hat, fehlen Planeten in engen Doppelsternen bislang systematisch in den Zählungen.

Was als Nächstes geprüft wird

Die Natur des Objekts lässt sich nur über seine Masse klären. Die Autoren empfehlen dafür künftige Spektrografen am Keck-Teleskop, etwa das geplante Instrument HISPEC.

Es zerlegt das Sternenlicht in seine Farben und erkennt daran, wie stark ein Begleiter seinen Stern hin- und herzieht. Außerdem raten sie, die übrigen aussortierten Kandidaten mit scharfen Aufnahmen nach versteckten Sternpaaren zu durchsuchen.

Meine Meinung dazu

Mich fasziniert an dieser Studie weniger der Riesenplanet als die Frage, wie er übersehen werden konnte. Eine Prüfregel, die für einzelne Sterne sinnvoll ist, wird bei zwei eng benachbarten Sternen blind.

Obendrein lagen die Bilder des Begleiters seit Jahren vor. Ein abgeschlossenes Archiv ist also nicht automatisch ein ausgewertetes Archiv.

Gefallen hat mir auch die Zurückhaltung des Teams, das trotz überzeugender Pixelanalyse ausdrücklich keine Bestätigung beansprucht.

Gelernt habe ich, dass ein Warnsignal je nach Annahme zwei völlig verschiedene Dinge bedeuten kann.

Dieselbe Verschiebung des Lichtflecks galt jahrelang als Beweis gegen einen Planeten und stützt ihn heute.

Wenn dich die Vorstellung ebenso berührt, dass in längst archivierten Daten noch Welten auf ihre zweite Chance warten, dann schick den Artikel an jemanden, der gern in den Nachthimmel schaut.

Quelle: Rita Lanxuan Wang (University of Hawaii), 2026, arXiv: 2609.16201

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