Warum Asteroid 2024 YR4 die Standardrechnung der Astronomen aushebelt

Thomas Schmidt

15. September 2026

Das James-Webb-Teleskop hat YR4 im Wärmelicht vermessen und findet einen Brocken aus fast nacktem Fels, der sich alle 19 Minuten einmal um sich selbst dreht.

Der Asteroid 2024 YR4, der monatelang als möglicher Treffer für Erde und Mond gehandelt wurde, misst rund 60 Meter und besteht offenbar aus weitgehend staubfreiem Gestein.

Herausgelesen hat ein internationales Team das aus Wärmeaufnahmen des James-Webb-Teleskops und ausgerechnet dabei erwies sich das gängige Rechenverfahren für Asteroidengrößen als untauglich, weil es voraussetzt, dass die Nachtseite eines Asteroiden kalt und dunkel ist.

YR4 rotiert jedoch so schnell und leitet Wärme so gut, dass seine Nachtseite kaum abkühlt. Mit den üblichen Annahmen wäre der Brocken deutlich zu klein in den Akten gelandet, unterhalb jener Grenze, ab der Fachleute überhaupt über Abwehrmaßnahmen nachdenken.

Ein Brocken, der erst die Erde und dann den Mond ins Visier nahm

Entdeckt wurde YR4 kurz nach Weihnachten 2024 vom ATLAS-Teleskop in Chile, einer Anlage, die den Himmel routinemäßig nach erdnahen Objekten absucht.

Der Asteroid läuft auf einer stark gestreckten Bahn und kommt dem Erde-Mond-System etwa alle vier Jahre nahe.

Erste Bahnrechnungen nach der Entdeckung ergaben eine Trefferchance für die Erde im Dezember 2032, die nach weiteren Messungen verschwand, dafür aber eine Einschlagwahrscheinlichkeit von einigen Prozent für den Mond übrig ließ.

Ein solcher Treffer hätte einen großen Krater ausgeschlagen und so viel Gestein ins All geschleudert, dass Satelliten und künftige Mondmissionen in Bedrängnis geraten wären.

Inzwischen ist auch dieser Einschlag ausgeschlossen.

Warum die Größe eines solchen Objekts so schwer zu bestimmen ist

Aus dem reflektierten Sonnenlicht allein lässt sich die Größe eines Asteroiden nicht ableiten, denn ein kleiner heller und ein deutlich größerer dunkler Körper erscheinen im Teleskop gleich hell.

Weiter kommt man mit der Wärmestrahlung, weil ein Asteroid umso mehr davon abgibt, je größer seine Oberfläche ist.

Genau diese Messung war bei YR4 schwierig, da der Brocken im Frühjahr 2025 für alle Wärmeteleskope auf dem Erdboden bereits zu lichtschwach geworden war. Übrig blieb ein einziges Instrument, das ihn noch erwischen konnte.

Wie das Team YR4 im Wärmeinfrarot erwischte

Thomas G. Müller vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching und Kolleginnen und Kollegen aus Helsinki, vom MIT und vom ESA-Koordinationszentrum für erdnahe Objekte bekamen am 26. März 2025 Sonderbeobachtungszeit am James-Webb-Teleskop.

Mit dessen Kamera MIRI, die Wärmestrahlung in drei verschiedenen Wellenlängenbereichen aufzeichnet, verfolgten sie den Asteroiden gut zwei Stunden lang.

Parallel dazu hatten sie ihn mit dem Acht-Meter-Teleskop Gemini North auf Hawaii im sichtbaren Licht beobachtet, um aus dem Flackern seiner Helligkeit auf Form und Drehachse zu schließen.

Die Auswertung ist für das Fachjournal Astronomy & Astrophysics angenommen, frei zugänglich ist bislang die Preprint-Fassung.

Das Modell verlangte eine Stellschraube, die es gar nicht geben dürfte

Beim ersten Anlauf benutzte das Team das Standardmodell, mit dem Asteroidengrößen seit Jahrzehnten aus Wärmemessungen gewonnen werden.

Es rechnet damit, dass nur die sonnenbeschienene Hälfte strahlt, und enthält eine Stellschraube für Unregelmäßigkeiten der Oberfläche, die sich bei Hunderten vermessener Asteroiden in engen Grenzen bewegt.

Um die drei Messreihen von YR4 zu erklären, musste diese Stellschraube auf mehr als das Doppelte des sonst üblichen Werts gedreht werden.

Das Team prüfte die bekannten Ursachen für solche Ausreißer, etwa Messungen zu unterschiedlichen Zeiten oder eine ungünstige Form, und konnte sie ausschließen, weil alle Daten in derselben Nacht und aus demselben Blickwinkel stammen.

Dass das Standardmodell hier in die Irre führt, lässt sich beziffern.

Hätte man es mit dem üblichen Wert der Stellschraube angewendet, wäre YR4 mit 35 bis 40 Metern in den Katalogen gelandet und damit unter der 50-Meter-Marke, ab der die UN-Arbeitsgruppe für Weltraummissionen aktive Abwehrplanung erwägt.

Ein Ersatzmodell, das eine gleichmäßig warme Zone rund um den Äquator annimmt, passte dagegen auf Anhieb zu den Daten.

Für Objekte mit hoher Wärmeleitfähigkeit und schneller Drehung, schreibt das Team, seien Anwendungen des Standardmodells „problematisch und sollten mit Vorsicht behandelt werden“.

Ein Fels, dessen Nachtseite kaum abkühlt

Am Ende steht ein Körper von rund 60 Metern Durchmesser, ungefähr so hoch wie ein zwanzigstöckiges Wohnhaus, mit einer Oberfläche, die eher an blanken Stein erinnert als an die Staubdecke, die viele Asteroiden überzieht.

Er dreht sich in gut 19 Minuten einmal um sich selbst, schafft also während einer Mittagspause mehrere volle Umdrehungen, während die Erde für eine einzige einen ganzen Tag braucht.

Weil das Gestein die Wärme in dieser kurzen Zeit nicht abstrahlen kann, wandert sie mit auf die Nachtseite, die dadurch nur wenige Grad kälter bleibt als die Tagseite.

Der ganze Äquatorgürtel ist also nahezu gleichmäßig temperiert.

Was der Fall für die Asteroidenabwehr bedeutet

Die praktische Lehre formuliert das Team unmissverständlich. Für potenziell gefährliche Objekte sei es „notwendig, Mehrband-Messungen im mittleren Infrarot zu erhalten“, also Wärmeaufnahmen in mehreren Wellenlängen statt in einer einzigen, weil sich nur so erkennen lässt, ob das Standardmodell überhaupt greift.

Bei YR4 hing an dieser Unterscheidung die Frage, ob er als harmloser Kleinkörper oder als abwehrwürdiges Objekt eingestuft worden wäre.

Wenn dich der Gedanke ebenso festhält wie mich, dass eine einzige Modellannahme über diese Einstufung entscheidet, schick den Text weiter. 2028 kommt YR4 der Erde erneut nahe, und dann soll Webb ihn ein zweites Mal ins Visier nehmen, diesmal aus einem anderen Blickwinkel.

Meine Meinung dazu

Was ich aus diesem Paper mitnehme, ist eine unbequeme Einsicht über Zahlen. Die Größe eines Asteroiden wird nicht gemessen, sondern gerechnet, und dieselben Messdaten ergeben je nach unterstellter Form und Temperaturverteilung einmal gut 50 und einmal rund 60 Meter.

Mich hat außerdem überrascht, wie sehr die Bewertung eines Risikos an einer einzigen, für Laien unsichtbaren Modellgröße hängen kann.

Dass die Forschenden den Ausreißer nicht weggebügelt, sondern zum Anlass genommen haben, ihr eigenes Standardwerkzeug infrage zu stellen, finde ich den eigentlich bemerkenswerten Teil der Arbeit.

Thomas G. Müller (Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, Garching), Astronomy & Astrophysics, 2026; arXiv:2609.15756

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