Das äußere Sonnensystem zerbricht früher als gedacht, und die Sonne selbst ist schuld

Thomas Schmidt

14. September 2026

Wenn die Sonne stirbt, verliert sie ihre Hülle nicht gleichmäßig, sondern in Brocken. Jeder einzelne davon stößt Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun ein Stück aus der Bahn.

Drei Astronomen haben durchgerechnet, was mit den vier großen Planeten passiert, wenn die Sonne am Ende ihres Lebens ihre äußeren Schichten abwirft, und das Ergebnis fällt drastisch anders aus als alle bisherigen Antworten.

Bisher galt das äußere Sonnensystem als so stabil, dass sein Zerfall erst in unvorstellbar ferner Zukunft und nur durch einen vorbeiziehenden fremden Stern zu erwarten war.

In Computersimulationen, die den Massenverlust der Sonne in tausende einzelne Auswurfereignisse zerlegen, beginnt die Zerstörung dagegen schon, während die Sonne noch als Roter Riese leuchtet.

Die Lebensdauer der Planetenordnung schrumpft damit von einer Eins mit achtzehn Nullen an Jahren auf etwa eine Milliarde Jahre nach dem Tod der Sonne.

Was über die Bahnen der äußeren Planeten als gesichert galt

Seit Newton fragen sich Himmelsmechaniker, ob die Planeten auf Dauer dort bleiben, wo sie sind und für die vier Gasriesen schien die Antwort besonders beruhigend.

Sie stören sich zwar gegenseitig, aber so schwach, dass ihre Ordnung rechnerisch länger hält als das bisherige Alter des Universums. Auch den Tod der Sonne hatte man eingeplant.

Als Roter Riese verliert sie fast die Hälfte ihrer Masse, und weil ihre Anziehungskraft dabei nachlässt, wandern die Planeten nach außen und ziehen weitere Kreise.

Dieses aufgeblähte System böte vorbeiziehenden Sternen eine größere Angriffsfläche, doch selbst deren Störung hätte die Planeten erst nach einem Vielfachen des heutigen Weltalters auseinandergerissen.

Das Ende war also fern, und die Ursache kam von außen.

Die Annahme, auf der alle diese Rechnungen beruhen

All diese Berechnungen setzen voraus, dass die Sonne ihre Hülle gleichmäßig verliert, wie ein stetig blasender Wind. Messungen des Satelliten Gaia an weit auseinanderstehenden Doppelsternen sprechen dagegen.

Frisch entstandene Weiße Zwerge, also die ausgebrannten Kerne solcher Sterne, bewegen sich ein wenig anders, als sie sollten, so als hätten sie bei ihrer Entstehung einen Schubs bekommen.

Ein Stern, der Material exakt in alle Richtungen gleichzeitig abgibt, kann keinen solchen Schubs erhalten, weil sich die Rückstöße gegenseitig aufheben.

Bleibt am Ende doch eine Bewegung übrig, muss das Material ungleichmäßig weggeflogen sein. Was diese Ungleichmäßigkeit mit den Planeten anstellt, hatte bisher niemand durchgerechnet, weil man dafür nicht eine glatte Kurve, sondern tausende Einzelereignisse simulieren muss.

Wie das Team den Tod der Sonne durchgespielt hat

Konstantin Batygin vom California Institute of Technology hat das gemeinsam mit seinem Kollegen Jim Fuller und mit Fred C. Adams von der University of Michigan nachgeholt.

Sie koppelten ein Programm, das die Sonne von heute bis zum ausgekühlten Rest altern lässt, mit einem zweiten, das die gegenseitige Anziehung der Planeten Schritt für Schritt aufaddiert.

Die Hülle verlässt die Sonne in diesem Modell nicht als Wind, sondern in einzelnen Paketen, von denen jedes den Stern in eine zufällige Richtung zurückstößt.

Insgesamt liefen 672 solcher Simulationen mit unterschiedlich groben Paketen durch. Die Arbeit liegt bislang nur als Preprint auf dem Server arXiv vor, ein Fachjournal hat sie noch nicht veröffentlicht.

Der Test, der die naheliegende Erklärung ausschloss

Naheliegend wäre gewesen, dass allein die Klumpigkeit des Massenverlusts genügt, um die Planeten zu stören. Das Team prüfte genau diesen Fall und schaltete in Kontrollläufen die Richtungswirkung ab, ließ die Brocken also in alle Richtungen gleichmäßig verteilt davonfliegen.

Das Ergebnis war eine exakte, nur vergrößerte Kopie des heutigen Sonnensystems, die drei Milliarden Jahre lang stabil blieb. Erst als die Auswürfe einzeln und jeweils in eine zufällige Richtung erfolgten, kippte das Bild.

In 40 Prozent der Durchläufe mit der wahrscheinlichsten Paketgröße waren die Bahnen bereits zerstört oder schwer durcheinandergeworfen, bevor der Weiße Zwerg überhaupt existierte, und die frühesten Bahnkreuzungen traten auf, während die Sonne noch ein Roter Riese war.

Saturn fliegt davon, Uranus und Neptun tauschen die Plätze

Ein einzelner dieser Rückstöße beschleunigt die Sonne um rund sieben Meter pro Sekunde, also ungefähr auf das Tempo eines gemütlich fahrenden Radfahrers. Für einen Stern ist das nichts.

Weil aber einige tausend solcher Stöße nacheinander erfolgen und die Planeten dabei jedes Mal an einer anderen Stelle ihrer Bahn stehen, gleichen sich die Störungen nicht aus, sondern summieren sich auf wie die Schritte eines Menschen, der zufällig mal links, mal rechts tritt und sich trotzdem immer weiter vom Ausgangspunkt entfernt.

„Einzeln sind sie winzig, zusammen sind sie umwälzend“, schreiben die Autoren über diese Stöße. In den Simulationen wird Saturn binnen weniger Millionen Jahre aus dem System geschleudert, Uranus und Neptun tauschen ihre Reihenfolge, und einzelne Bahnen werden so in die Länge gezogen, dass sie bis in Jupiters Revier reichen.

Was das für Planeten um andere Sterne bedeutet

Nahezu jeder Stern endet irgendwann als Weißer Zwerg, weshalb die Autoren dieselbe Rechnung auf praktisch alle Planetensysteme übertragen.

Leichtere Planeten wie unsere Eisriesen Uranus und Neptun sind dabei anfälliger als schwere Gasriesen, denn der Rückstoß stört jede Bahn gleich stark, während ein massearmer Planet seine Nachbarn schlechter auf Abstand hält.

Die hinausgeschleuderten Welten treiben danach ohne Stern durch die Milchstraße. „Newtons Instabilität ist am Ende doch real“, schließen die Forscher, „er hat sich nur im Täter geirrt.“

Falls dir also das nächste Mal jemand erzählt, das Sonnensystem laufe wie ein Uhrwerk, schick ihm diesen Artikel und die Vorstellung gleich mit, dass die Uhr am Ende von ihrer eigenen Feder zerlegt wird.

Meine Meinung dazu

Mich fasziniert an dieser Arbeit weniger das Weltuntergangsszenario als die Stelle, an der sie ansetzt.

Jahrzehntelang stand in den Stabilitätsrechnungen eine Annahme, die nie jemand ausgesprochen hat, nämlich dass Sterne ihre Masse gleichmäßig verlieren. Es brauchte eine Beobachtung an ganz anderer Stelle, die Bewegung junger Weißer Zwerge in Doppelsternsystemen, um sie überhaupt sichtbar zu machen.

Gleichzeitig bleibe ich vorsichtig, denn das Ergebnis hängt stark davon ab, wie grob die abgestoßenen Pakete tatsächlich sind, und diese Größe kennt bislang niemand genau.

Quelle: Konstantin Batygin (California Institute of Technology), Jim Fuller (California Institute of Technology), Fred C. Adams (University of Michigan), 2026; arXiv:2609.12494

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