Auf WASP-69 b hängt der Morgen im Dunst, während der Abendhimmel aufklart

Thomas Schmidt

21. August 2026

Warum das James-Webb-Teleskop auf dem Gasriesen WASP-69 b Wasserdampf nur an einem einzigen Rand des Planeten findet.

Der Gasriese WASP-69 b kehrt seinem Stern immer dieselbe Seite zu, und an den beiden Rändern dieser ewigen Tagseite herrscht völlig unterschiedliches Wetter.

Über dem Streifen, an dem der Morgen beginnt, liegt eine dichte Wolkendecke, während es über dem Abendstreifen so weit aufklart, dass sich dort Wasserdampf nachweisen lässt.

Überraschend ist das, weil Astronomen eine solche einseitige Bewölkung bisher nur bei deutlich heißeren Planeten gefunden hatten.

Ein Team um Le-Chris Wang von der Princeton University hat beide Ränder während eines einzigen Vorbeizugs vor dem Stern getrennt vermessen.

Verantwortlich für den Unterschied sind offenbar Winde, die die Wolken vom kühleren Morgen zum heißeren Abend tragen und unterwegs teilweise verdampfen lassen.

Was Astronomen über Wolken auf heißen Riesenplaneten wissen

Zieht ein Planet vor seinem Stern vorbei, scheint ein winziger Teil des Sternenlichts durch die äußeren Schichten seiner Lufthülle. Moleküle wie Wasserdampf schlucken dabei ganz bestimmte Farben, sodass sich aus dem übrig gebliebenen Licht ablesen lässt, woraus die Atmosphäre besteht.

Wolken stören dieses Verfahren, weil sie das Licht schon in großer Höhe abfangen und die Molekülsignale glattbügeln.

Bei mehreren sehr heißen Riesenplaneten fiel zuletzt auf, dass diese Wolkendecke ungleich verteilt ist, mit dichtem Dunst über der Morgenseite und klarerer Luft über der Abendseite.

Warum niemand wusste, wo die Wolkengrenze verläuft

Woher dieser Unterschied kommt und ab welcher Temperatur er einsetzt, war offen.

Bei den kühleren Vertretern hatte bis dahin niemand einen belastbaren Nachweis vorgelegt, dass die beiden Ränder unterschiedlich bewölkt sind.

Das lag auch an der Messung selbst, denn normalerweise erhält man nur einen Mittelwert über den gesamten Ring aus Atmosphäre, der beim Transit vor dem Stern aufleuchtet.

Um Morgen und Abend zu trennen, braucht es eine Präzision, die erst das James-Webb-Teleskop liefert.

Wie das Team Morgen- und Abendseite auseinanderhalten konnte

Wang und seine Kolleginnen und Kollegen beobachteten im Mai 2025 einen kompletten Transit von WASP-69 b mit einem Instrument, das das einfallende Infrarotlicht in seine Farben zerlegt.

Der Kniff steckt im Zeitverlauf. Weil der vorauslaufende Rand des Planeten den Stern etwas früher berührt als der nachlaufende ihn wieder freigibt, verschiebt sich die scheinbare Mitte des Transits minimal, sobald eine der beiden Seiten aufgeblähter ist als die andere.

Aus dieser Verschiebung ließen sich zwei getrennte Spektren rekonstruieren, eines für den Morgen und eines für den Abend.

Zwei unabhängig voneinander arbeitende Auswertungsprogramme kamen zum selben Ergebnis. Die Arbeit ist bei den Astrophysical Journal Letters eingereicht, aber noch nicht unabhängig begutachtet.

Der Verdacht fiel zuerst auf den Stern

Die naheliegendste Erklärung hatte nichts mit dem Planeten zu tun.

WASP-69 ist ein aktiver Stern, dessen Oberfläche von dunklen Flecken übersät sein kann, und solche Flecken verfälschen das gemessene Licht auf eine Weise, die einer Wolkenschicht täuschend ähnlich sieht.

Also rechnete das Team beide Spektren noch einmal durch, diesmal mit Sternflecken als Ursache.

Damit die Rechnung aufging, hätte der Stern für die Abendseite viermal so stark gefleckt sein müssen wie für die Morgenseite, obwohl beide Messungen aus demselben Transit stammen und denselben Stern zur selben Stunde zeigen.

Auch photochemischer Dunst schied aus, weil eine so dichte Dunstschicht die obere Atmosphäre aufheizen würde, wovon frühere Messungen der Tagseite nichts zeigen.

Wolken, die auf dem Weg zum Abend verdampfen

Übrig bleibt ein Temperaturgefälle. Der Abendrand ist rund 300 Grad heißer als der Morgenrand, was ungefähr der Spanne zwischen dem Gefrierfach und der höchsten Stufe eines Küchenbackofens entspricht.

Auf der kühleren Morgenseite kondensieren Salzverbindungen zu feinen Partikeln und schweben dort so hoch, dass sie den Blick auf tiefere Schichten versperren.

Werden sie von den Winden zur heißeren Abendseite getragen, lösen sie sich teilweise wieder auf, und der Wasserdampf darunter wird sichtbar.

Ein dreidimensionales Klimamodell, wie es sonst für Wettervorhersagen auf der Erde entwickelt wurde, erzeugt genau dieses Muster von allein.

Was der Fund für andere Atmosphären bedeutet

Bislang kennt man erst vier Planeten mit einer derart ungleichen Wolkenverteilung, und WASP-69 b markiert das kühle Ende dieser Gruppe.

Seine Asymmetrie fällt schwächer aus als bei den heißeren Vertretern, was dafür spricht, dass der Übergang eher ein breiter Grenzbereich als eine scharfe Linie ist.

Praktisch bedeutsam ist das für jede Messung einer fremden Lufthülle, denn wer beide Ränder in einen Topf wirft, erhält verzerrte Werte für die Zusammensetzung.

Die getrennte Vermessung, schreibt das Team, könne „Wolkentransport und Wolkenentwicklung sichtbar machen“, die in einem gemittelten Spektrum verborgen bleiben.

Falls dich der Gedanke ebenso packt wie mich, dass 160 Lichtjahre entfernt jemand einen Nebel über einem Sonnenaufgang vermessen hat, gib den Text weiter.

Meine Meinung dazu

Mich hat weniger das Wassersignal beeindruckt als das, was daneben passierte.

Der eigentliche Beweis lag nicht im Fund selbst, sondern in einer Erklärung, die nicht funktionierte, weil derselbe Stern sich innerhalb einer Stunde unmöglich unterschiedlich verhalten kann.

So arbeitet Forschung tatsächlich, und ich finde diesen Umweg spannender als jede Schlagzeile über eine Entdeckung.

Was mir hängen bleibt, ist die schlichte Vorstellung, dass ein Planet Wetter hat, und zwar an verschiedenen Orten verschiedenes.

Le-Chris Wang (Princeton University) et al., eingereicht bei The Astrophysical Journal Letters, 2026; arXiv:2608.19756

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