3I/ATLAS: Dem fremden Kometen fehlt, was fast jeder Komet bei uns hat

Thomas Schmidt

20. August 2026

Zwei Monate Dauerbeobachtung von fünf Sternwarten zeigen einen erstaunlich stabilen Besucher, dessen Chemie nicht zu unserem Sonnensystem passt.

Ein internationales Team hat den interstellaren Kometen 3I/ATLAS auf seinem Weg zur Sonne zwei Monate lang durchgehend vermessen und dabei fast keine Veränderung gefunden.

Seine Farbe blieb konstant rötlich, sein Gasausstoß bestand praktisch nur aus einem einzigen Molekül, und ein einzelner Materiestrahl zeigte über Monate hinweg in dieselbe Richtung.

Möglich wurde das durch Teleskope auf Hawaii, in Australien, Usbekistan, Südafrika und auf La Palma, die alle mit demselben Satz an Farbfiltern arbeiteten.

Weil dem Kometen ausgerechnet jene Kohlenstoffverbindungen fehlen, die fast jeder heimische Komet zeigt, deutet alles auf eine Geburtsstätte hin, die anders zusammengesetzt war als die Wolke, aus der unsere eigenen Planeten entstanden sind.

Der dritte bestätigte Besucher von außerhalb

Nach 1I/ʻOumuamua und 2I/Borisov ist 3I/ATLAS erst das dritte Objekt, dem Astronominnen und Astronomen sicher eine Herkunft außerhalb des Sonnensystems zuschreiben.

Seine Bahn ist so stark gestreckt, dass die Sonne ihn nicht einfangen kann; er kommt einmal vorbei und verschwindet wieder.

Anders als seine beiden Vorgänger wurde er früh genug entdeckt, um ihn über einen großen Teil des Anflugs zu verfolgen.

Und er ist aktiv, das heißt, aus seinem Kern strömen Gas und Staub, die eine leuchtende Hülle bilden. Damit liefert er Material aus einem fremden Planetensystem frei Haus.

Warum die bisherigen Farbmessungen auseinanderliefen

Die Farbe eines Kometen verrät, woraus sein Staub besteht. Nur lagen die veröffentlichten Farbwerte für 3I/ATLAS weit auseinander, mal deutlich röter, mal deutlich blauer.

Dahinter konnte eine echte Veränderung stecken, weil der Komet auf dem Weg zur Sonne aufheizt und dabei frisches Material freisetzt.

Es konnte aber auch schlicht daran liegen, dass jede Gruppe ein anderes Teleskop, andere Filter und einen anders großen Messkreis um den Kern verwendete.

Solange sich beides vermischt, lässt sich keine der beiden Erklärungen prüfen.

Zwei Monate mit demselben Filtersatz

Toni Santana-Ros von der Universität Alicante und dem Institut de Ciències del Cosmos in Barcelona hat mit seinem Team deshalb auf Gleichförmigkeit gesetzt.

Auf den beiden Faulkes-Teleskopen kamen Kameras zum Einsatz, die das Licht über halbdurchlässige Spiegel auf vier Detektoren aufteilen, sodass alle Farben im selben Moment aufgenommen werden.

Ergänzt wurde das durch ein 1,5-Meter-Teleskop in Usbekistan und durch Spektrografen an Teleskopen in Südafrika und auf La Palma, die das Kometenlicht in seine Einzelfarben zerlegen und so verraten, welche Moleküle darin leuchten.

Ausgewertet wurde immer derselbe Ausschnitt der Staubhülle, unabhängig davon, wie weit der Komet gerade entfernt war.

Die Arbeit liegt bislang als Preprint vor und ist noch nicht unabhängig begutachtet; eine frühere Etappe derselben Kampagne erschien bereits in Astronomy & Astrophysics.

Wo das erste Staubmodell scheiterte

Um von der Farbe auf das Material zu kommen, baute Jyri Markkanen von der TU Braunschweig am Rechner künstliche Staubflocken aus winzigen Kügelchen und ließ Licht daran streuen.

Flocken aus verarbeitetem organischem Material trafen die gemessenen Farben gut. Sie scheiterten aber an einer zweiten Messgröße, der Polarisation, also der Frage, in welche Richtung das gestreute Sonnenlicht schwingt. Diesen Effekt nutzen auch Sonnenbrillen, um Reflexe zu schlucken.

Erst als das Team ein Zehntel des Volumens durch Pyroxen ersetzte, ein gewöhnliches Silikatmineral, passten Farbe und Polarisation gleichzeitig.

Die Forschenden schreiben selbst dazu, dass diese Zusammensetzung nur als grobe Schätzung zu verstehen ist, weil die optischen Kennwerte kometarer Organik große Unsicherheiten haben.

Ein Kern, der seit Monaten aus derselben Stelle bläst

Die Grundbausteine dieser Flocken sind gut zweihundertmal dünner als ein menschliches Haar, und sie sind fast reine Organik mit einer Prise Gestein.

Im Spektrum leuchtete als einziges Molekül klar das Radikal CN; ein weiteres Kohlenstoffmolekül zeigte ein Signal knapp über dem Rauschen, das die Gruppe verwarf, weil ein verwandtes Molekül, das eigentlich früher auftauchen müsste, komplett fehlte.

Damit gehört 3I/ATLAS in die Kategorie der kohlenstoffketten-armen Kometen.

Gleichzeitig zeigten die Bilder einen schmalen Strahl, der über Monate hinweg zur Sonne zeigte und aus einer einzigen aktiven Region nahe dem Nordpol des Kerns stammt.

Der Komet, schreibt das Team, habe eine gleichmäßige Aktivierungsphase durchlaufen und dabei eine Zusammensetzung bewahrt, die „reich an flüchtigen Stoffen, aber arm an Kohlenstoffketten“ ist.

Was das für die Suche nach fremden Planetensystemen bedeutet

Kometen um andere Sterne kennt man sonst nur indirekt, als Verdunkelungen oder als flüchtige Absorptionslinien im Sternenlicht.

Hier lässt sich stattdessen das komplette Werkzeug der Kometenforschung anwenden.

Zusammen mit Infrarotmessungen, die einen hohen Anteil an gefrorenem Kohlendioxid gefunden haben, ergibt sich ein Objekt, das laut den Autoren „ein seltenes Fenster in die chemischen Bedingungen seines Heimatsystems“ öffnet.

3I/ATLAS unterscheidet sich damit sowohl vom völlig inaktiven ʻOumuamua als auch vom ursprünglicheren Borisov.

Wenn dich der Gedanke packt, dass hier gerade ein Stück einer fremden Planetenwerkstatt an uns vorbeizieht und wir seine Rezeptur mitlesen können, dann schick den Artikel weiter.

Wie es weitergeht

Die entscheidende Frage steht noch offen. Der Vorbeiflug an der Sonne heizt den Kometen so stark auf, dass tiefere Schichten freigelegt werden.

Erst die weitere Beobachtung danach kann zeigen, ob der Kohlenstoffmangel wirklich für den ganzen Kern gilt oder ob er nur eine Kruste beschreibt, die sich in Jahrmillionen im interstellaren Raum gebildet hat.

Meine Meinung dazu

Mich hat an dieser Arbeit weniger das Ergebnis überrascht als der Weg dorthin.

Ein Modell, das die Farben perfekt trifft und trotzdem verworfen wird, weil eine zweite, unabhängige Messgröße nicht mitspielt, ist genau die Art von Sturheit, die ich mir von Wissenschaft wünsche.

Bemerkenswert finde ich außerdem, wie wenig spektakulär die eigentliche Leistung klingt. Immer dieselben Filter, immer derselbe Messkreis, wochenlang.

Der Erkenntnisgewinn steckt hier nicht in einem neuen Teleskop, sondern darin, dass jemand die Disziplin hatte, zwei Monate lang exakt dasselbe zu tun.

Und ich nehme mit, dass ein einzelner Fleck auf einem wenige Kilometer großen Kern, irgendwo bei einem fremden Stern entstanden, von hier aus über Monate hinweg nachweisbar bleibt.

Quelle: T. Santana-Ros et al. (Universidad de Alicante / ICCUB Barcelona), arXiv-Preprint, 2026; arXiv:2608.18371

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