GRB 250702B: Der längste Gammablitz aller Zeiten – und sein winziger Täter

Thomas Schmidt

12. August 2026

Ein Schwarzes Loch von zehn Sonnenmassen zerreißt einen sonnenähnlichen Stern – und der Feuerstrahl von GRB 250702B zielt fast genau auf uns.

Der stärkste je registrierte Gammablitz stammt womöglich nicht von einem sterbenden Riesenstern, sondern von einem Schwarzen Loch von nur rund zehn Sonnenmassen, das eine sonnenähnliche Begleiterin zerreißt.

Ein Team um Fulya Kıroğlu deutet GRB 250702B als „Mini-Gezeitenzerstörung“, bei der das verschluckte Sternmaterial einen gebündelten Strahl freilässt, der beinahe direkt auf die Erde zeigt.

Am Computer haben die Forschenden die Trümmerscheibe nachgebaut und gezeigt, dass sie von selbst einen schmalen Trichter ausräumt, durch den der Strahl unbeschadet entkommt.

Damit wird ein unscheinbares, kompaktes Schwarzes Loch zum Antrieb eines der hellsten Ereignisse im Kosmos.

Sekunden, nicht Stunden: So kurz sind Gammablitze normalerweise

Gammablitze – kurze, extrem helle Ausbrüche energiereicher Strahlung – gehören zum Gewaltigsten, was das Universum zu bieten hat.

Die langen unter ihnen entstehen, wenn der Kern eines massereichen Sterns kollabiert; die kurzen, wenn zwei kompakte Sternleichen verschmelzen.

In beiden Fällen ist der Spuk nach wenigen Sekunden vorbei.

Eine kleine, aber wachsende Gruppe fällt jedoch aus dem Rahmen: die „ultralangen“ Blitze.

Woher sie kommen, ist bis heute ungeklärt.

Ein Dauerfeuer mit Vorboten, den niemand erklären konnte

GRB 250702B sprengt selbst diesen Rahmen.

Das Weltraumteleskop Fermi registrierte den längsten Gammablitz, den je ein Instrument aufgezeichnet hat – die harte Strahlung hielt stundenlang an.

Fast einen Tag zuvor hatte das Röntgenteleskop Einstein Probe bereits ein leises Vorleuchten aufgezeichnet, und wochenlang danach verglomm ein Röntgen-Nachglühen.

Genau diese Dreiteilung passt zu keinem der üblichen Verdächtigen.

Ein kollabierender Riesenstern etwa liefert weder das tagelange Vorleuchten noch erklärt er die fehlende Supernova.

Und der Blitz zündete weitab vom Zentrum seiner Galaxie – dort, wo die üblichen supermassereichen Schwarzen Löcher nicht sitzen.

Ein Team baut die Katastrophe im Computer nach

Fulya Kıroğlu vom CIERA der Northwestern University hat mit ihrem Team genau diese Katastrophe nachgestellt.

Mit dem Strömungscode AREPO – einem Verfahren, das Gas auf einem mitbewegten Rechengitter simuliert – ließen die Forschenden ein Schwarzes Loch von zehn Sonnenmassen einen sonnenähnlichen Stern zerreißen.

So eine Mini-Gezeitenzerstörung (im Fachjargon micro-TDE) unterscheidet sich grundlegend vom klassischen Fall, in dem ein millionenfach schwereres Schwarzes Loch im Galaxienzentrum einen Stern verschlingt.

Wichtig für die Einordnung: Die Studie ist bislang ein Preprint, also noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

Warum die naheliegende Erklärung um das Hunderttausendfache scheitert

Die einfachste Idee lag auf der Hand.

Verschlingt ein Schwarzes Loch Materie, sammelt sie sich in einer glühend heißen Scheibe – vielleicht ist es einfach dieses Glühen, das wir sehen.

Doch die Rechnung geht nicht auf.

Eine solche Scheibe strahlt in alle Richtungen und bringt es höchstens auf ein Hunderttausendstel der Helligkeit, die GRB 250702B tatsächlich zeigte.

Das Licht kann also nicht rundum abgestrahlt werden – es muss aus einem gebündelten Strahl kommen, einem Suchscheinwerfer, der beinahe direkt auf uns zeigt.

Damit stand die eigentliche Frage im Raum: Kann so ein Strahl das dichte Trümmerfeld überhaupt durchdringen, ohne zerrissen zu werden?

Und hier zeigte die Simulation das Überraschende.

Die Trümmer ordnen sich so, dass entlang der Drehachse ein nahezu leerer Trichter entsteht. Dessen Dichte fällt nach außen genau so ab, dass der Strahl auf seiner gesamten Bahn stabil bleibt, statt sich aufzuschaukeln und auseinanderzureißen – und zwar an jeder Stelle gleichermaßen.

Der Strahl muss also nicht auf einen glücklichen Ausbruch hoffen; die Geometrie trägt ihn von selbst hinaus.

Ein winziger Suchscheinwerfer überstrahlt eine ganze Galaxie

Das Bild, das die Simulation zeichnet, ist ein hauchdünner Strahl, den ein schnell rotierendes Schwarzes Loch aus seiner Drehenergie speist.

Er ist so eng, dass er aus unserer Blickrichtung die scheinbare Helligkeit gewaltig aufbläht – und genau deshalb sehen wir überhaupt etwas.

Nach dem Modell des Teams hielt der Blitz rund sieben Stunden an, wo ein gewöhnlicher Gammablitz schon nach Sekunden verloschen ist.

Diese Dauer verrät den eigentlichen Motor: Nicht der Sturz des Sterns, sondern das gemächliche Leerlaufen der Trümmerscheibe hält das Feuer über Stunden am Brennen.

Als der Strahl sich nach dem Ausbruch allmählich verbreiterte, fiel das Nachglühen sogar schneller ab, als der Motor allein es erklären konnte – auch dieses Detail fügt sich in das Bild.

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Ein neuer Verdächtiger für die extremsten Blitze im All

Die Tragweite reicht über diesen einen Blitz hinaus.

Bislang galten fast ausschließlich sterbende Riesensterne als Quelle langer Gammablitze.

Kıroğlus Modell rückt eine andere Klasse von Tätern ins Bild: kompakte Schwarze Löcher, die überall dort lauern, wo Sterne einander eng umkreisen – in Kugelsternhaufen, in Dreifachsystemen, quer über die Galaxien verteilt.

In ihrer Arbeit schreiben die Forschenden, ihr Modell „bildet den mehrphasigen Verlauf von GRB 250702B nach und etabliert Jet-getriebene Mini-Gezeitenzerstörungen als physikalisch motivierten Antrieb ultralanger Gammablitze.“

Für die Astronomie heißt das: Manche der gewaltigsten Ausbrüche könnten aus unscheinbaren Winkeln des Kosmos stammen – und künftige ultralange Blitze samt ihrer rätselhaften Vorboten lassen sich an dieser Vorlage prüfen.

Der nächste Schritt führt in aufwendigere Simulationen

Offen bleibt, unter welchen Bedingungen das Schwarze Loch überhaupt in den hochmagnetisierten Zustand gerät, der den Strahl zündet – und warum die Gammastrahlung in regelmäßigen Schüben kam.

Beides wollen die Forschenden mit detaillierteren Rechnungen klären, die Scheibe, Magnetfeld und Strahl gemeinsam behandeln.

Was ich aus diesem Paper mitnehme

Mich fasziniert weniger die Rekordzahl als die Eleganz des Mechanismus.

Da zerreißt ein Schwarzes Loch einen Stern, und das Chaos aus Trümmern räumt sich – ganz ohne Zutun – selbst so auf, dass ein empfindlicher Strahl sauber entkommen kann.

Dass die Natur ausgerechnet die Geometrie hervorbringt, die ihn auf ganzer Strecke stabil hält, wirkt fast zu passend, um Zufall zu sein.

Zugleich bleibe ich vorsichtig: Es ist ein noch ungeprüfter Preprint, und an mehreren Stellen räumen die Autorinnen und Autoren selbst ein, dass erst aufwendigere Simulationen ihr Bild bestätigen müssen.

Neu gelernt habe ich vor allem, dass die Dauer eines Blitzes verrät, wie groß sein Motor ist – Stunden bedeuten eine ausgedehnte Scheibe, keine simple Explosion.

Und wenn Dich dieser Gedanke ebenso packt – dass ein Schwarzes Loch von der Größe weniger Sonnen kurz eine ganze Galaxie überstrahlt –, dann schick den Text jemandem, der beim nächsten klaren Nachthimmel auch kurz ins Grübeln kommt.

Quelle: Fulya Kıroğlu (CIERA, Northwestern University) et al., „Explaining the X-ray Precursor, Ultra-long Prompt Emission, and Week-long Decay of GRB 250702B with a Jetted Micro-TDE“, arXiv-Preprint 2026; arXiv:2608.10065

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