Betelgeuse beult sich aus – und verrät den Begleiter, der in ihrer Atmosphäre kreist

Thomas Schmidt

5. August 2026

Der Begleitstern Siwarha ist im Radiolicht viel zu schwach, um sichtbar zu werden. Trotzdem hat ein Forschungsteam ihn aufgespürt – an der Form von Betelgeuse selbst.

Ein Team hat gezeigt, dass der Rote Überriese Betelgeuse im Takt eines nahen Begleitsterns leicht die Form wechselt – mal runder, mal unrunder, immer passend zur Position des Partners auf seiner Umlaufbahn.

Das Überraschende ist der Ort dieses Begleiters: Er zieht seine Runden nicht in sicherer Ferne, sondern mitten in der äußeren Atmosphäre des Riesensterns.

Aufgespürt wurde das Muster mit den Radioteleskopen VLA und ALMA, die Betelgeuses ausgedehnte Hülle über mehrere Wellenlängen hinweg vermessen haben.

Es ist der erste radioastronomische Hinweis darauf, dass der erst kürzlich entdeckte Begleiter namens Siwarha die Gashülle des Sterns tatsächlich durchknetet.

Ein Stern, den wir zu kennen glaubten

Betelgeuse, die rötliche Schulter im Sternbild Orion, gehört zu den am gründlichsten vermessenen Sternen überhaupt – als erster Stern nach der Sonne wurde er direkt als Scheibe abgebildet.

Radiowellen sind dabei ein besonders feines Werkzeug: Je länger die Wellenlänge, desto höher liegt die Schicht der Atmosphäre, die sie zeigt.

So lässt sich die Hülle des Sterns Schale für Schale abtasten.

Als Betelgeuse Ende 2019 dramatisch verdunkelte – das „Große Verblassen“ –, sackte auch seine Radiohelligkeit auf einen historischen Tiefstwert.

Inzwischen hat sie sich wieder erholt.

Und mitten in diese Beobachtungsreihe platzte eine zweite Nachricht: Betelgeuse hat einen engen Begleitstern, unabhängig gleich mehrfach nachgewiesen und optisch sogar direkt fotografiert.

Ein Verdacht ohne Beweis

Dass da ein Begleiter kreist, war damit belegt.

Offen blieb die spannendere Frage: Verändert er Betelgeuse überhaupt?

Der Verdacht lag nahe, denn seine Bahn liegt nicht neben dem Stern, sondern innerhalb dessen äußerer Hülle – er pflügt also direkt durch das Gas, das die Radioteleskope sehen.

Nur ließ sich der Effekt nicht einfach zeigen.

Im Radiolicht ist der kleine Begleiter praktisch unsichtbar, und sein Einfluss vermischt sich mit dem ständigen Brodeln des Überriesen.

Zwei Teleskope, ein Preprint

Hier setzt die Arbeit eines Teams um L. D. Matthews vom MIT Haystack Observatory an, gemeinsam mit A. K. Dupree vom Center for Astrophysics | Harvard & Smithsonian.

Die Forschenden kombinierten das Karl G. Jansky Very Large Array in New Mexico mit dem ALMA-Observatorium in Chile und beobachteten Betelgeuse über mehrere Jahre in einem breiten Frequenzbereich.

Aus den Rohdaten schätzten sie für jede Beobachtung die genaue Form der Sternscheibe – wie stark sie von einem perfekten Kreis abweicht.

Wichtig für die Einordnung: Die Studie ist bislang ein Preprint, Anfang August 2026 bei The Astronomical Journal eingereicht und noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

Erst die naheliegende Idee – und ihr Scheitern

Der erste, offensichtliche Weg wäre gewesen, den Begleiter direkt im Radiobild aufzuspüren, als zweiten hellen Punkt neben dem Stern.

Das Team rechnete durch, wie stark er dort leuchten müsste – und das Ergebnis war ernüchternd: mehr als zehnmal zu schwach, um überhaupt aus dem Rauschen aufzutauchen.

Diese Tür war zu.

Also drehten die Forschenden die Frage um.

Statt nach dem Begleiter zu suchen, suchten sie nach seiner Handschrift im Stern. Sie trugen die gemessene Unrundheit gegen die vorhergesagte Position des Begleiters auf – und siehe da, beides lief im Gleichschritt.

Die Delle wandert mit der Bahn

Betelgeuse ist nie stark verformt; höchstens um etwa ein Zehntel weicht die Scheibe vom Kreis ab.

Doch diese kleine Abweichung folgt einem klaren Rhythmus.

Steht der Begleiter seitlich am Rand seiner Bahn, wirkt der Stern am unrundesten.

Zieht er vor Betelgeuse vorbei oder verschwindet dahinter, rundet sich die Scheibe wieder.

Für eine volle Runde braucht er rund fünfeinhalb Jahre – so lange dauert ein kompletter Formzyklus des Riesensterns.

Die Ergebnisse passen zu periodischen Störungen der Atmosphäre durch den Begleiter“, heißt es in der Studie.

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Deine Anmeldung war erfolgreich.

Das ganze Universum. Jeden Samstag. In 2 Minuten.

Ein kurzer Überblick über die Woche plus alle Artikel-Links – kostenlos in deinem Posteingang.

Schon über 400 Sternengucker lesen samstags mit.

Kein Spam, jederzeit abbestellbar. Newton wäre stolz auf dich.

Ein Nachbar, der den Sternwind mitformt

Die Tragweite liegt weniger im hübschen Muster als im Ort des Geschehens.

Der Begleiter kreist genau dort, wo Betelgeuse Material ins All abstößt und seinen Sternwind startet.

„Der Begleiter formt die Atmosphäre des Überriesen – dort, wo der Sternwind entsteht“, schreibt das Team.

Wer verstehen will, wie massereiche Sterne am Ende ihres Lebens Materie verlieren, muss diesen unsichtbaren Mitbewohner künftig mitdenken.

Wenn dich die Vorstellung packt, dass ein ganzer Stern unbemerkt durch die Hülle eines anderen pflügt und sich nur durch dessen Form verrät – gib diesen Text jemandem weiter, der beim nächsten Blick auf den Orion daran denken wird.

Was als Nächstes kommt

Um das Zusammenspiel zu bestätigen, braucht es mehr Momentaufnahmen über die ganze Bahn hinweg. ALMA kann bei noch höheren Frequenzen tiefer in den Stern blicken, und künftige Riesenanlagen wie das Square Kilometre Array oder das Next Generation VLA sollen auch die äußeren, dünnen Randbereiche schärfer zeichnen.

Meine Meinung dazu

Mich fasziniert am meisten der Denkweg, nicht das Ergebnis.

Der direkte Nachweis war chancenlos – und statt aufzugeben, machten die Forschenden aus der Not eine Methode und lasen den unsichtbaren Begleiter aus der Form des Sterns heraus.

Das ist elegante Detektivarbeit.

Zugleich hält mich der Preprint-Status zur Vorsicht an: Die Unrundheit ist klein, die Zahl der Messpunkte überschaubar, und die Begutachtung steht noch aus.

Was ich mitnehme, ist ein neues Bild von Betelgeuse – kein einsamer sterbender Gigant mehr, sondern ein Stern mit einem heimlichen Untermieter, der an seiner Hülle zerrt.

Quelle: L. D. Matthews et al. (MIT Haystack Observatory), eingereicht bei The Astronomical Journal, 2026; Preprint arXiv:2608.02847

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Deine Anmeldung war erfolgreich.

Das ganze Universum. Jeden Samstag. In 2 Minuten.

Ein kurzer Überblick über die Woche plus alle Artikel-Links – kostenlos in deinem Posteingang.

Schon über 400 Sternengucker lesen samstags mit.

Kein Spam, jederzeit abbestellbar. Newton wäre stolz auf dich.