Drei Firmen wollen KI-Rechenzentren in die Umlaufbahn schießen. Eine neue Studie zeigt: Ihre Satellitenringe könnten heller leuchten als die Milchstraße – und ihr wichtigstes Verkaufsargument hält der Physik nicht stand.
Wenn die geplanten Megakonstellationen orbitaler Rechenzentren tatsächlich starten, könnten zu bestimmten Zeiten mehr helle Satelliten am Himmel stehen als sichtbare Sterne.
Ganze Ringe aus Metall würden sich in der Dämmerung über das Firmament ziehen – heller als die Milchstraße.
Drei Astronom:innen haben die Behördenanträge von Blue Origin, SpaceX und Cowboy Space in zwei voneinander unabhängige Simulationen übersetzt, um das durchzurechnen.
Ihr Befund: Ohne verbindliche Helligkeitsgrenzen könnte der vertraute Sternenhimmel großflächig überschrieben werden.
Und selbst das Versprechen, mit dem die Firmen für ihre Rechenzentren werben, stimmt so nicht.
Der Himmel gehört längst nicht mehr nur den Sternen
Seit Starlink und ähnliche Systeme unterwegs sind, ist der Nachthimmel nicht mehr das, was er einmal war.
Satellitenketten ziehen bei Dämmerung als helle Punkte über den Himmel, und die Fachwelt wehrt sich: Die Internationale Astronomische Union empfiehlt, Satelliten möglichst niedrig fliegen zu lassen und so weit abzudunkeln, dass man sie mit bloßem Auge nicht mehr sieht.
Bislang war das größte Glück, dass die Zahl der Satelliten noch nicht in die Zehntausende gekippt ist.
Was passiert, wenn ganze Rechenzentren in die Umlaufbahn ziehen?
Genau das könnte sich jetzt ändern.
Denn getrieben vom Hunger nach Rechenleistung für generative KI wollen mehrere Firmen ganze Rechenzentren ins All bringen – „orbital data centres“, riesige, energiehungrige Satelliten in gewaltiger Stückzahl.
Lange galten Warnungen vor einem Himmel mit mehr Satelliten als Sternen als übertrieben.
Die offene Frage war: Sind sie das noch, wenn Konzerne plötzlich Flotten dieser Größenordnung beantragen?
Wirklich beantworten ließ sich das nicht – die Anträge sind vage, und etwas Vergleichbares hat es nie gegeben.
Zwei Programme, ein Ergebnis
Aaron Boley von der University of British Columbia hat es zusammen mit Samantha Lawler (University of Regina) und Hanno Rein (University of Toronto) trotzdem versucht.
Das Team rekonstruierte drei konkrete Entwürfe – Blue Origins „Sunrise“, das SpaceX-System und „Stampede“ von Cowboy Space – aus den öffentlichen Anträgen bei der US-Regulierungsbehörde.
Dann ließen sie zwei unabhängig entwickelte Programme rechnen; eines schickt die Satelliten mithilfe eines Bahnsimulators auf ihre Umlaufbahnen, das andere prüft die Ergebnisse gegen.
Die Helligkeit schätzten sie mit einem bewusst simplen Referenzmodell.
Wichtig für die Einordnung: Die Arbeit ist ein Preprint auf arXiv und noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.
Das Verkaufsargument, das im Erdschatten zerbricht
Und hier stolperten die Forschenden über etwas Unerwartetes.
Rechenzentren im All werden vor allem mit einem Argument verkauft: Dort oben scheint die Sonne immer, der Strom für die KI fließt gratis und ununterbrochen.
Beim Bau der Modelle zeigte sich jedoch: Kein einziger der Entwürfe erreicht diese ewige Sonne.
Jeder Ring hat eine „Finsternis-Saison“.
Die tief fliegenden Satelliten, die die Firmen für kurze Reaktionszeiten brauchen, tauchen zu bestimmten Jahreszeiten alle rund 90 Minuten in den Erdschatten – müssen dann auf Batterien umschalten, Rechnungen pausieren, heftige Temperatursprünge verkraften.
Nur weit höher oben, jenseits der begehrten niedrigen Bahnen, ginge die Sonne nie unter.
Das Kernversprechen trägt also nicht.
Der Eingriff in den Himmel bliebe trotzdem.
Ringe, heller als die Milchstraße
Denn hell wären diese Satelliten allemal.
In den Winterdämmerungen mittlerer Breiten stünden Zehntausende leuchtender Punkte am Himmel.
Würde allein das SpaceX-System vollständig gestartet, stünden zu manchen Zeiten rund hundertmal mehr sichtbare Satelliten über uns als sichtbare Sterne.
Möglich macht das die schiere Größe: Ein Entwurf sieht Solarflächen vor, mehr als doppelt so groß wie die der Internationalen Raumstation ISS.
Die uralten Muster des Sternenhimmels, schreiben Boley und seine Kolleg:innen, würden dann „durch von Menschen gemachte künstliche Muster ersetzt“.
Ein Ringplanet aus Menschenhand
Die Folgen reichen weit über den Anblick hinaus.
In den Polarregionen stünden die Ringe im Winter rund um die Uhr am Himmel – über Gemeinden im kanadischen Norden ebenso wie über den Forschungsstationen der Antarktis.
Radio- und Infrarot-Astronomie fänden gar keine Ruhe mehr, weil sie sich nicht in den Erdschatten retten können.
Mit den Empfehlungen der IAU ist all das unvereinbar. „Die Erde ist nun ein Ringplanet“, schreibt das Team – ein Ring, entstanden aus menschlichem Tun.
Wenn dich dieser Gedanke nicht loslässt – dass die nächste Generation vielleicht nie einen echten, ungestörten Sternenhimmel sieht, sondern nur noch unsere eigenen Ringe –, dann gib diesen Text jemandem weiter, der bei klarer Nacht auch immer nach oben schaut.
Meine Meinung dazu
Mich hat weniger die reine Helligkeit umgehauen als die Ironie dahinter.
Da wird ein ganzer Wirtschaftszweig auf einem Physik-Versprechen gebaut – ewige Sonne –, das bei genauem Hinsehen zerfällt.
Neu gelernt habe ich, wie tückisch das Wort „kumulativ“ hier ist: Selbst wenn eine Firma sich zusammenreißt, addieren sich die Ringe vieler Anbieter zu einem Himmel, den niemand mehr allein reguliert.
Und ehrlich: Ich musste zweimal schlucken bei dem Bild, dass ausgerechnet die Sterne, die uns seit jeher Orientierung und Staunen geschenkt haben, von unseren eigenen Rechenzentren überstrahlt werden könnten.
Der einzige wirklich sichere Ausweg, den die Autor:innen sehen, ist unbequem schlicht: den Einsatz solcher Systeme begrenzen.
Quelle: Aaron C. Boley (University of British Columbia), Samantha M. Lawler, Hanno Rein, arXiv-Preprint, 2026; arXiv.2608.02757





