Satellitenflotten am Kipppunkt: Neun Megaprojekte könnten den Orbit im Alleingang ruinieren

Thomas Schmidt

3. August 2026

Ein neues Stabilitätsmodell zeigt, ab welcher Satellitenzahl eine einzige Konstellation eine sich selbst nährende Trümmerlawine zündet – und ausgerechnet die schiere Größe entscheidet nicht.

Neun von sechzehn geplanten oder bereits gestarteten Satellitenflotten sind einzeln so groß, dass die Kollisionen ihrer eigenen Satelliten eine wachsende Trümmerwolke erzeugen könnten – eine Kettenreaktion, die sich selbst am Leben hält.

Das gilt selbst dann, wenn man den Flotten einen völlig leeren, sauberen Orbit und vorbildliche Aufräumregeln zugesteht.

Der Birminghamer Physiker Hugh Lewis hat dafür mit einem schlanken Rechenmodell für jede Flotte eine „kritische Größe“ bestimmt.

Sein Befund trifft eine Lücke: Behörden prüfen bisher nur das Risiko eines einzelnen Satelliten – und übersehen genau dort die eigentliche Gefahr.

Ein voller Himmel, der sich selbst verstopfen kann

Der erdnahe Weltraum ist in wenigen Jahren zum am dichtesten befahrenen Verkehrsraum der Menschheit geworden.

Tausende Satelliten liefern Internet, Bilder und Kommunikation, und die Betreiber planen bereits die nächste Ausbaustufe.

Seit Jahrzehnten warnen Fachleute vor dem Kessler-Syndrom – dem Kipppunkt, an dem Trümmerteile so dicht fliegen, dass jede Kollision neue Trümmer erzeugt und eine Kaskade lostritt, die sich nicht mehr stoppen lässt.

Bislang galt das als ferne Möglichkeit, die vor allem alte Raketenstufen und ausgediente Satelliten betrifft.

Wie prüft man eine ganze Flotte – nicht nur einen Satelliten?

Genehmigungsbehörden bewerten neue Systeme fast immer anhand eines einzigen Satelliten: Wie schwer ist er, kann er ausweichen, verglüht er rechtzeitig?

Für eine Konstellation aus Zehntausenden Objekten, die ständig ersetzt werden, fehlte lange ein einfaches Maß.

Ältere Stabilitätsmodelle unterstellten zudem, dass Satelliten Kollisionen gar nicht ausweichen können – eine Annahme, die die Lage übertrieben düster erscheinen ließ und die Betreiber deshalb bequem beiseiteschieben konnten.

Ein Modell, das den Flotten jeden Vorteil gönnt

Hugh Lewis von der SERENE-Gruppe der University of Birmingham hat genau diese Lücke geschlossen.

Er baute ein klassisches Stabilitätsmodell von Donald Kessler zu einem schlanken Rechenverfahren um, das Ausweichmanöver und geordnete Entsorgung berücksichtigt.

Damit lässt sich für jede Flotte eine „kritische Größe“ bestimmen – die Zahl an Satelliten, ab der sie ihren eigenen Orbit vergiftet.

Die Arbeit ist bisher ein Preprint und noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

Sie durften ausweichen – und rissen die Grenze trotzdem

Der entscheidende Kniff: Lewis rechnete jeder Flotte den größtmöglichen Vorteil gut.

Perfektes Ausweichen, vorbildliche Entsorgung, dazu ein völlig leerer, sauberer Orbit ohne Alttrümmer.

Wenn die Konstellationen selbst unter diesen Bilderbuch-Bedingungen sicher blieben, wäre die Sorge unbegründet.

Sie blieben es nicht.

Und die eigentliche Überraschung lauert in den Details: Nicht die schiere Größe entscheidet.

Eine Flotte aus wenigen hundert Satelliten reißt ihre Grenze, während eine andere mit vielen Tausenden darunterbleibt – es kommt auf Bahnhöhe und Bauart an.

In den höchsten geplanten Umlaufbahnen, wo die dünne Restatmosphäre kaum noch aufräumt, sinkt die sichere Obergrenze für eine bestimmte Flotte auf weniger als einen einzigen Satelliten.

Geplant sind dort Hunderte.

Und weil Lewis bewusst optimistisch gerechnet hat, dürfte die Realität eher schlechter ausfallen.

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Neun Flotten über der roten Linie

Am Ende überschreiten neun von sechzehn untersuchten Konstellationen ihre kritische Größe.

Die größte darunter ist ein geplanter Schwarm von SpaceX: eine Million Satelliten für Rechenzentren im All – mehr Satelliten, als die Menschheit in ihrer gesamten Raumfahrtgeschichte je gestartet hat.

Dass es nicht nur solche Giganten trifft, betont Lewis selbst: Das Problem zeige sich „bei kleinen wie bei großen“ Flotten, und zwar selbst in einem „makellosen, trümmerfreien Orbit“.

Warum das nicht nur ein Problem der Betreiber ist

Lewis warnt, dass Lizenzen, die auf dem „scheinbar vernachlässigbaren Risiko“ eines einzelnen Satelliten beruhen, die Entwicklung des Orbits „auf eine schwierige Bahn“ schicken könnten.

Betroffen wäre am Ende jeder, der auf das All angewiesen ist – von Navigation über Wetter bis zum Internet aus dem Orbit.

Sein Modell braucht keine zusätzlichen Daten und liefert ein simples Bestanden/Durchgefallen; er plädiert dafür, dass Behörden noch offene Anträge damit streng prüfen und manche Pläne neu bewerten.

Dass ausgerechnet die vorbildliche Regelbefolgung nicht reicht, um den Himmel offenzuhalten, ist der Gedanke, der hängen bleibt – und den man weitergeben sollte, bevor die nächste Flotte startet.

Meine Meinung dazu

Mich hat vor allem eins umdenken lassen: Ich hatte den Trümmer-Kollaps immer als Summenproblem im Kopf – zu viele Objekte, irgendwann kippt es.

Lewis zeigt, dass schon eine einzelne Flotte für sich der Auslöser sein kann, und dass nicht die Zahl der Satelliten die Grenze bestimmt, sondern wo und wie sie fliegen.

Fast noch mehr beeindruckt mich seine Argumentationsweise: Er schenkt den Konstellationen absichtlich jeden Vorteil, und sie fallen trotzdem durch.

Das ist die ehrlichere, unbequemere Variante – nicht das schlimmste Szenario an die Wand malen, sondern das beste, und selbst das reicht nicht.

Ein Preprint ist noch kein Urteil, und viel hängt an den Annahmen.

Aber als Frühwarnung, bevor Millionen Satelliten genehmigt sind, ist diese Rechnung schwer zu ignorieren.

Quelle: Hugh G. Lewis (University of Birmingham), Preprint, 2026; arXiv:2607.29644

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