Astronomen ertappen einen erdähnlichen Planeten in der habitablen Zone dabei, wie er Helium ins All verliert – 2024 war das Leck da, ein Jahr später spurlos verschwunden.
Ein Forschungsteam der Harvard University hat zum ersten Mal beobachtet, wie ein Gesteinsplanet in der habitablen Zone seines Sterns Atmosphäre ins Weltall verliert: Vom nur rund 49 Lichtjahre entfernten LHS 1140b strömt Helium ab.
Überraschend ist das, weil kleine Felswelten um kühle Zwergsterne bisher meist als luftlos galten – hier zeigt sich ausgerechnet an einem Planeten in der lebensfreundlichen Zone erstmals eine Atmosphäre.
Aufgespürt haben die Astronomen das Gas mit einem hochauflösenden Infrarot-Spektrografen in den chilenischen Anden, während der Planet vor seinem Stern vorbeizog.
Das Verblüffendste: Die obere Atmosphäre besteht fast nur aus Helium und kaum noch Wasserstoff – und das Leck flackert. 2024 war es klar messbar, 2025 war es weg.
Warum kleine Gesteinsplaneten oft nackt bleiben
Eine Atmosphäre ist für einen Planeten so etwas wie eine Lebensversicherung: Sie hält das Klima stabil, schirmt die Oberfläche gegen tödliche Strahlung ab und lässt flüssiges Wasser überhaupt erst zu.
Nachgewiesen haben Astronomen Lufthüllen bislang aber fast nur bei großen, gasreichen Riesenplaneten.
Kleine Gesteinswelten sind eine harte Nuss, weil sie neben ihren Sternen winzig und dunkel wirken.
Ein Trick hilft: Man beobachtet Planeten um Rote Zwerge (kleine, kühle Sterne, sogenannte M-Zwerge), weil der Kontrast zwischen dem schwachen Stern und dem Planeten dort günstiger ist.
Der Haken – diese Zwergsterne sind ruppig. Sie feuern energiereiche Strahlung ab, die nahe Planeten regelrecht entkleiden kann.
Genau deshalb galt lange als offen, ob solche Welten ihre Luft über Milliarden Jahre halten können.
Kann eine Welt in der habitablen Zone ihre Luft behalten?
LHS 1140b ist ein idealer Prüfstein.
Der Planet umkreist einen alten, ungewöhnlich ruhigen Roten Zwerg in unserer kosmischen Nachbarschaft und liegt in der habitablen Zone – jenem Abstandsbereich, in dem flüssiges Wasser möglich wäre.
Kalt ist es dort trotzdem, im Mittel etwa minus 47 Grad Celsius. Die entscheidende Frage lautete: Trägt so ein Gesteinsplanet überhaupt noch eine Atmosphäre, oder hat der Stern sie längst weggeblasen?
Frühere Messungen zeigten meist nackte Felsklumpen oder Lufthüllen zu dünn zum Nachweis.
Der eigentliche Beweis blieb technisch schwer zu führen.
Ein Spektrograf in den Anden fängt den Fingerabdruck des Heliums
Collin Cherubim und sein Team vom Center for Astrophysics (Harvard & Smithsonian) griffen zu einem Instrument namens WINERED, montiert am 6,5-Meter-Magellan-Clay-Teleskop am Las-Campanas-Observatorium in Chile.
Ihr Werkzeug ist die Transit-Spektroskopie: Zieht der Planet vor seinem Stern vorbei, filtert seine Atmosphäre bestimmte Farben aus dem Sternenlicht heraus.
Die Forschenden fahndeten nach dem verräterischen Infrarot-Fingerabdruck von Helium – einer Spektrallinie, die nur eine ausgedehnte, aufgeheizte Gashülle erzeugt.
200 Tonnen pro Sekunde – und ein Jahr später: nichts
Im September 2024 war das Signal eindeutig: LHS 1140b blutet Helium ins All, und zwar mit rund 200 Tonnen Gas pro Sekunde – dem Gewicht eines ausgewachsenen Blauwals, Sekunde für Sekunde.
Das Gas strömt sogar dem Planeten auf seiner Bahn voraus wie eine Fahne im Sonnenwind.
Am erstaunlichsten ist die Zusammensetzung: In der oberen Atmosphäre ist praktisch kein Wasserstoff mehr übrig, sie ist fast reines Helium.
Und dann der Bruch – als das Team ein Jahr später erneut hinsah, war das Leck verschwunden.
Sinngemäß deuten die Autor:innen das so, dass die Abströmung offenbar in Schüben verläuft und die Strahlung des Sterns dabei den Takt vorgibt.
Warum dieser Planet fast nur Helium „atmet“
Dass ausgerechnet Helium übrig bleibt, ist kein Zufall, sondern deckt sich mit einer früheren Vorhersage des Teams selbst: Wenn eine Atmosphäre entweicht, reißt der Strom zuerst den leichten Wasserstoff mit, während schwerere Stoffe in tieferen Schichten zurückbleiben – die Hülle entmischt sich also von oben nach unten.
Der Nachbarplanet LHS 1140c, kleiner und deutlich stärker bestrahlt, zeigte übrigens gar kein Helium: Er dürfte tatsächlich nackt sein.
Damit liegen die beiden Welten wie erwartet auf den zwei Seiten der „kosmischen Küstenlinie“ – jener gedachten Grenze, die luftlose Planeten von solchen trennt, die ihre Atmosphäre halten können.
Wenn dich die Vorstellung eines Planeten packt, der seine Luft mal zeigt und mal versteckt, dann gib diese Geschichte weiter – wahrscheinlich kennst du jemanden, der genau bei so etwas ins Staunen gerät.
Meine Meinung dazu
Mich hat vor allem das Flackern gefesselt.
Wir sind es gewohnt, ferne Planeten als starre Steckbriefe zu behandeln – Masse, Radius, Temperatur, fertig.
Hier aber sehen wir eine Welt, die sich innerhalb eines Jahres sichtbar verändert, fast wie ein atmendes Objekt.
Neu gelernt habe ich, dass ein Planet nicht einfach „Atmosphäre ja oder nein“ kennt, sondern seine Hülle beim Verlust wie ein Sieb sortieren kann, bis nur noch Helium bleibt.
Und ich finde tröstlich, dass das ruhige Umfeld dieses Sterns dem Planeten offenbar erlaubt hat, überhaupt so lange Luft zu behalten.
Wer bis hierher gelesen hat, hat gerade miterlebt, wie ein Planet in Echtzeit ausatmet – teil den Moment, solange das Staunen frisch ist.
Collin Cherubim et al. (Harvard University / Center for Astrophysics), Preprint (noch nicht peer-reviewed), 2026; arXiv:2607.14326.





