Dieser Stern ist überfällig – zündet er 2026?

Thomas Schmidt

19. Juli 2026

Alle 80 Jahre flammt T CrB als Nova auf – hell genug fürs bloße Auge. Jetzt wäre er dran. Doch eine neue Studie warnt: Wer auf ein festes Datum wettet, hat das Rätsel nicht verstanden.

Irgendwann in den kommenden Monaten könnte am Nachthimmel ein Stern auftauchen, wo eben noch keiner war – und wieder verschwinden.

Ein Team um den chinesischen Astrophysiker Songpeng Pei hat den erwarteten Ausbruch des berühmten Sterns T Coronae Borealis aus drei unabhängigen Spuren neu berechnet.

Das überraschende Ergebnis: Ein zuverlässiges Datum gibt es nicht. Je nachdem, welche Spur man ernst nimmt, steht der nächste Ausbruch entweder schon im Dezember 2026 bevor – oder frühestens im Mai 2029.

Ausgewertet haben die Forschenden dafür jahrzehntelange Helligkeitsmessungen von Amateur-Astronominnen und -Astronomen weltweit.

Ein Stern, der einmal pro Menschenleben explodiert

T Coronae Borealis, kurz T CrB, ist die nächstgelegene sogenannte wiederkehrende Nova – ein Doppelstern, bei dem ein kompakter Weißer Zwerg unablässig Gas von einem aufgeblähten Roten Riesen absaugt.

Sammelt sich genug Material an, zündet es in einer thermonuklearen Explosion. Normalerweise braucht man für T CrB ein Teleskop.

Beim Ausbruch aber schießt seine Helligkeit so weit nach oben, dass er plötzlich mit dem Polarstern mithalten kann – ein „neuer“ Stern, gut sichtbar ohne jedes Hilfsmittel.

Das Ganze wiederholt sich rund alle 80 Jahre, also etwa einmal pro Menschenleben. Zuletzt geschah es 1866 und 1946.

Warum die Vorhersage bisher scheiterte

Genau dieser Rhythmus macht T CrB so verlockend – und so tückisch. Seit dem letzten Ausbruch sind bereits gut 80 Jahre vergangen, sogar etwas länger als die Pause zwischen 1866 und 1946.

Der Stern gilt damit als „überfällig“, und seit einem auffälligen Helligkeitseinbruch 2023 kursieren in den Medien konkrete Ausbruchsdaten.

Das Problem: Der Verdunkelungs-Einbruch vor dem Ausbruch von 1946 lässt sich bis heute nicht sauber erklären – weder allein durch nachlassende Materiezufuhr noch durch simplen Staub davor.

Wer daraus einen exakten Countdown ableitet, verwechselt eine grobe Ähnlichkeit mit einer Stoppuhr.

Drei Uhren, die nicht dieselbe Zeit zeigen

Statt sich auf einen Hinweis zu verlassen, kombinierte das Team von der Liupanshui Normal University drei: die historischen Ausbruchsabstände, die Position des Sterns auf seiner 227-Tage-Umlaufbahn und die jüngste Entwicklung seiner Helligkeit.

Als Datenbasis dienten Messungen aus der internationalen Datenbank der AAVSO, einem weltweiten Netz ambitionierter Amateur-Beobachter.

Aus den Ausbruchsabständen ergibt sich: Bliebe der Stern bis Mitte Juli 2026 ruhig, läge die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch im restlichen Jahr bei rund 30 Prozent, im darauffolgenden Jahr bei knapp 57 Prozent.

„Das sind empirische Anhaltspunkte, keine physikalischen Vorhersagewahrscheinlichkeiten“, betont Pei.

Dezember 2026 – oder doch erst 2029?

Hier trennen sich die Wege. Sinkt die Helligkeit von T CrB gerade tatsächlich ähnlich ab wie kurz vor 1946, dann folgte der Ausbruch damals etwa ein halbes Jahr später – das würde auf Dezember 2026 deuten.

Bleibt der Stern hingegen dauerhaft blasser als in seiner aktiven Phase von 2014 bis 2023, fehlt schlicht Material: Der Weiße Zwerg hätte noch nicht genug „getankt“, um zu zünden.

Diese Rechnung verschiebt den frühestmöglichen Termin auf etwa Mai 2029.

„Es sind bedingte Szenarien, keine konkurrierenden Punktprognosen“, ordnet Pei ein. „Erst der Ausbruch selbst wird zeigen, welche unserer Annahmen stimmt.“

Beobachten statt herunterzählen

Das eigentliche Verdienst der Studie ist ihre Ehrlichkeit: Sie liefert Beobachtungsfenster, keine Schlagzeile.

Das nächste dieser Fenster nach dem Sommer 2026 fällt in den Zeitraum Februar bis März 2027 – Termine, an denen sich dichtes Hinschauen besonders lohnt.

Ein Mensch, der noch nie mit eigenen Augen einen explodierenden Stern gesehen hat – und das sind praktisch wir alle –, sollte von dieser Geschichte wissen, bevor der Himmel selbst sie erzählt;

erzähl sie also weiter, an alle, die schon einmal nach oben geschaut und sich gewundert haben.

Meine Meinung dazu

Mir gefällt an diesem Paper, dass es dem größten Hype der Amateur-Astronomie seit Jahren tapfer widerspricht.

Es wäre so einfach gewesen, ein knackiges Datum in die Welt zu setzen. Stattdessen zeigen Pei und sein Team, dass drei plausible Methoden drei verschiedene Antworten geben – und dass genau das die interessante Erkenntnis ist.

Ich habe hier gelernt, wie viel Geduld echte Wissenschaft manchmal verlangt: Der einzige Weg, herauszufinden, wer recht hat, ist zuzusehen und zu warten. Und ehrlich – ich werde in den kommenden Monaten öfter zum Sternbild Nördliche Krone hinaufblicken als je zuvor.

Denn die schönste Vorhersage ist die, die man mit bloßem Auge selbst überprüfen kann.

Songpeng Pei et al. (Liupanshui Normal University), Monthly Notices of the Royal Astronomical Society (MNRAS), 2026; arXiv:2607.15245

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